08 Februar 2010
Robert A. Heinlein: "Fremder in einer fremden Welt" ("Stranger in a strange land")
Den meisten nicht-ScienceFiction-Fans wird Robert Heinlein - wenn überhaupt - als Autor des Buches "Starship Troopers" einfallen. Die wenigsten Film-Fans dürften das Buch jedoch gelesen haben.
Noch unbekannter außerhalb der SciFi- und Heinlein-Fangemeinde ist sein wohl wichtigster Roman "Fremder in einer fremden Welt" ("Stranger in a strange land").
Innerhalb des Science-Fiction-Genres ist dieser Roman zwar ein Meilenstein, aber wie das so oft ist mit Meilensteinen: mehr als den Namen kennen die meisten Leute, wenn überhaupt, nicht. Oder hat einer unter meinen werten Blog-Lesern den "Mann ohne Eigenschaften" gelesen?
In den USA ist dies mit Sicherheit anders - Heinleins Werk ist dort wesentlich bekannter als hierzulande, und vor allem für die Hippie-Bewegung war der Roman von großer Wichtigkeit.
Die ursprüngliche Version musste Heinlein um einiges zensieren, bevor ihm eine Publikation erlaubt war (bevor man auf China zeigt sollte man solche Begebenheiten im angeblich "freien" Westen nie vergessen). Erst lange nach seinem Tod konnte seine Witwe die unzensierte Version veröffentlichen. Ich beziehe mich im Rahmen dieser Rezension auf diese englische Vollversion des Romans.
Worum es geht
Michael Valentine Smith, einer der Hauptcharaktere des Romans, ist der "Mann vom Mars". Im ersten Kapitel wird beschrieben, wie eine erste Mars-Mission zwar zu erfolgreicher Landung führt, dann aber der Kontakt abbricht. Jahre später trifft eine zweite Mars-Mission auf dem Roten Planeten ein, und die Besatzung findet als einzigen lebenden "Rest" der ersten Mars-Mission das Kind zweier - verstorbener - Crew-Mitglieder.
Smith wurde von den Ureinwohnern des Mars - Wesen, welche sich in so ziemlich jeglicher Hinsicht von uns Menschen unterscheiden - aufgezogen und ist damit zwar biologisch ein Mensch, aber von seiner Psyche, Kultur, Veranlagung und Prägung durch und durch Marsianer.
Er wird zur Erde zurück gebracht und dort - er muss sich zunächst an Druck- und Athmosphärenbedingungen der Erde gewöhnen - in einem Krankenhaus unter oberster Sicherheitsstufe verwahrt.
Er befindet sich sofort in Lebensgefahr, denn die politische Lage auf der Erde ist äusserst kompliziert. Eine etwas skurrile Rechtsprechung aus Zeiten der Mond-Eroberung macht aus Smith nämlich den alleinigen rechtmässigen "Besitzer" des Mars, und dazu noch den reichsten Menschen der Erde, denn er ist auch der Erbe am Patent des bislang einzig funktionierenden Raum-Antriebs.
Michael Valentine Smith jedoch weiß nichts von all diesen irdischen Verwirrungen, denn er versteht zunächst nicht einmal kein Wort Englisch, sondern auch menschliche Konzepte wie "Gesetz", "Besitz" oder "Reichtum" sind ihm gänzlich fremd.
Auf eine seiner Krankenschwestern hat seine naiv-unschuldige Art große Wirkung: sie sieht in ihm den "edlen Wilden", das absolut unschuldige Lamm, dass hier Gefahr läuft, auf die Schlachtbank irdischer Rechtsprechung geführt zu werden.
Gemeinsam mit einem befreundeten Sensations-Journalisten entführen sie Smith aus der Klinik und bringen ihn in die Obhut des einzigen Menschen, der sowohl weise, reich, gewieft und mächtig genug ist, Smith dauerhaft Asyl bieten zu können - der Autor, Arzt, Rechtsanwalt und Lebemann Jubal Harshaw.
Dieser ist ein Meister im Intrigen-Spinnen und findet alsbald großen Gefallen an dem "Mann vom Mars", denn er erkennt dessen absolute Unschuld.
Im zweiten Teil des Buches - Michael Valentine Smith hat nun die menschliche Sprache und etliche menschliche Sitten und Gebräuche gelernt - macht sich Smith daran, die Menschheit von deren Elend zu befreien. Nachdem er die menschlichen Kulturen in all ihren Dimensionen studiert hat, ist er zu dem Schluss gelangt dass er eine Religion konzipieren muss, denn nur so kann er bei zumindest einigen Menschen grundlegende Veränderungen bewirken. Er gründet die "Church of All Worlds", die in mehreren Zirkeln aufgebaut ist und die Mitglieder lernen im Laufe ihrer fortschreitenden Einweihung v.a. Marsianisch, denn das Beherrschen dieser Sprache führt auch zur Entwicklung der latent im Menschen schlummernden Kräfte, was eine Verjüngung und absolute Gesundheit ebenso zur Folge hat wie sogenannte "übernatürliche" Fähgikeiten: Telekinese, Gedankenlesen, Resistenz gegen Temperaturen, Hunger etc...
So faszinierend der Gedanke für mich war, dass man durch das Lernen einer Sprache auch "übernatürliche Fähigkeiten" erwerben kann (ich fühlte mich da an das Bonmot des Sprachphilosophen Wittgenstein erinnert: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt") - der Grund für den Verbot bzw. die Zensur des Romans lag woanders. Er lag am Sex.
Richtig, "Fremder in einem fremden Land" ist ein Roman der sexuellen Freizügigkeit, der freien Liebe. Bei der Erstausgabe 1961 schlug der Roman ein wie die sprichwörtliche Bombe, und er hat die Hippie-Generation stark beeinflusst. 2010 liest sich selbst die ungekürzte Fassung diesbezüglich zwar recht unspektakulär, jedoch wirkt der Roman auch in dieser (der sexuellen) Hinsicht sehr modern. Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie er mit dem "mindset" der '61er aufgefasst wurde.
Teil, ja Herzstück der von Smith gegründeten Religion war dann auch die "freie Liebe". Der Geschlechtsakt (egal zwischen welchen Geschlechtern oder mit wie vielen Teilnehmern) wurde von Smith (unschuldig und ungeprägt von den Schuldgefühlen judeo-christlich-muslimischer Religion wie er war) als "a great goodness", also als "etwas von großer Gut-heit" empfunden und in seine Self-Made-Religion übernommen. Ihm war zwar bewusst dass er damit gegen die gesellschaftlichen Konventionen versties, hatte aber kein Verständnis für Gefühle wie Besitzdenken, Eifersucht oder ähnliches.
Aus heutiger Sicht ist es schwer vorstellbar, dass die gekürzte Ausgabe (wie erwartet waren die sexuellen Beschreibungen einer der Hauptgründe für die Zensur gewesen) dazu führte, dass sich bereits in der Hippie-Zeit tatsächlich eine Religion nach dem Romanvorbild in den Vereinigten Staaten bildete. Doch die "Church of All Worlds" gibt es bis heute, und ihre Mitglieder leben nach den Regeln, die Heinlein sich für seinen Roman ausgedacht hatte!
Ein anderer Kern-Satz der Religion war die rituelle Begrüßung "Thou art god!" ("Du bist Gott!"), was heute nach üblichem Esoterik-wischi-waschi klingt, damals aber auch gegen so ziemlich alle gesellschaftlich-religiösen Normen verstiess.
Skurill auch die Tatsache, dass ein Wort aus dem "Marsianischen" - das Wort 'grok' - durch den Roman Eingang in die englische Sprache fand. Das Wort bedeutet auf Marsianische sowohl "Wasser" als auch "Verstehen, Begreifen" und drückt wohl noch einige andere Konzepte marsianischer Lebensart aus. Heute ist es in Wörterbüchern anzutreffen und kaum jemand scheint zu wissen, dass Heinlein es sich ausgedacht hat.
Eine weitere Besonderheit des Romans ist, das Heinlein hier sein "Alter Ego" in der Gestalt des Jubal Harshaw integriert hat. Weite Teile des Buches bestehen aus Quasi-Monologen, in denen der gealterte Lebemann dem "Mann vom Mars" oder anderen Protagonisten (der Krankenschwester Gillian, dem Journalisten Ben Caxton oder einer seiner drei Sekretärinnen, Anne, Miriam und Dorcas) seine Sicht der Dinge lang und breit darstellt. Hier sprich eindeutig Heinlein selbst, und was er zu sagen hat mag Jugendliche langweilen, und ist auch aus heutiger Sicht oft eher selbstverständlich, ist aber im Kontext seiner Zeit gesehen höchst modern und "avantgardistisch".
Fazit
Es gibt wohl nicht viele Romanautoren, die es mit einem ihrer Werke geschafft haben, eine Religion zu gründen. Robert A. Heinlein ist dies mit "Fremder in einem fremden Land" unwillentlich gelungen.
Sieht man von dieser Skurrilität und dem Einfluss auf die Hippie-Bewegung einmal ab - warum sollte ein aufgeklärter, moderner Mensch des 21. Jahrhunderts Zeit und Energie (denn die benötigt man) aufwenden, um dieses Buch zu lesen?
Nun, zuerst einmal weil es ein Höllenspass ist - wirklich. Auch wenn viele Stellen des Buches aus heutiger Sicht wie selbstverständlich wirken, war es für mich ein großer Spass, über die sexuell-religiösen "Rebellen" aus Heinleins Feder zu lesen. Wertkonservative, Spießer und Philister kommen in diesem Buch zwar zu Hauf vor, aber sie kommen durchweg schlecht, sehr schlecht weg. Und das allein ist schon Grund genug, die Nase in den Schmöker zu stecken.
Als Religionswissenschaftler war es für mich dann aber auch spannend zu sehen, wie genial Heinlein die Mechanismen der Religion durch seinen Alter Ego Jubal Harshaw sezierte, die Religion dann gekonnt ad absurdum führte - nur um alle menschlichen Religionen dann durch eine gruppensexorientierte Meta-Religion zu ersetzen.
Schließlich und endlich ist der Roman zwar recht wenig "SF", aber er regt zum Nachdenken an über unsere Gesellschaft, unsere Werte und unsere so absurden Schuldkomplexe. Hinterher fragt man sich wirklich, warum die Menschheit den Weg einschlug, den sie ging, und warum Myriaden von Generationen ihr Leben im Schatten falscher Schuldkomplexe und voll von Gewalt verschwendeten, wenn doch eigentlich alles so leicht sein könnte...
27 Dezember 2009
Orhan Pamuk: "Schnee" ("Kar")

In der kalten Jahreszeit wirkt der Titel dieses international wohl bekanntesten Romanes des türkischen Nobelpreisträgers Orhan Pamuk wie eine passende Lektüre. In weiten Teilen Europas liegt derzeit eine Schneedecke, und auch wenn es in Irland einfach nur kalt, trüb und neblig ist, habe ich mir diesen Roman als Lektüre zwischen den Feiertagen gegönnt.
Orhan Pamuk hat 2006 den Nobelpreis für Literatur bekommen, außerdem den Friedenspreis des deutschen Buchhandels und so ziemlich alle wichtigen Literaturpreise seines Heimatlandes, der Türkei. Sein Roman "Schnee" sorgte auch deshalb für Aufsehen, da er ihm in der Türkei eine Klage einbrachte - er sei "gegen das Türkentum", denn in dem Roman wird auch das Massaker an den Armeniern angesprochen, ein Thema welches in der Türkei nach wie vor kontrovers, ja Tabu ist (ähnlich wie das Massaker an Algeriern in Setif nach wie vor ein Tabuthema in Frankreich ist, oder die Erwähnung des Nanking-Massakers in Japan so sehr vermieden wird, dass die meisten Japaner keine Ahnung haben, wovon Ausländer sprechen, welche sich über dieses Thema unterhalten wollen).
Doch zurück zu Pamuk und seinem Roman "Schnee".
Worum geht es?
"Schnee", auf Türkisch "Kar", erzählt die Geschichte des fiktiven türkischen Dichters Ka, welcher sich im Winter auf in die ostanatolische Grenzstadt Kars macht.
Wie in vielen Romanen Pamuks ist die Namensgebung hier natürlich nicht zufällig, sondern der Roman ist voll von Symbolen sprachlicher aber auch farbiger, religiöser und politischer Art.
Ka lebt eigentlich in Frankfurt im Exil. Er ist Sohn wohlhabender Istanbuler Kreise, ein "Bourgeois", der schon immer Schwierigkeiten hatte, seine türkischen Landsleute zu verstehen bzw. ihre politischen und religiösen Motivationen nachzuvollziehen. Er lebt das Leben eines Einzelgängers und floh vor Furcht von Folter und Unterdrückung nach Deutschland.
Anlässlich des Todes seiner Mutter kehrte er zurück nach Istanbul, und als ihn eine grosse Tageszeitung bat, einen Artikel über eine seltsame Reihe von Mädchen-Selbstmorden in der weit im Osten liegenden Stadt Kars zu schreiben, hat er zugesagt.
Jedoch hat Ka eine eigene Agenda für diese Reise: er weiss dass seine hübsche Kommilitonin Ipek, zu der er sich schon immer hingezogen fühlte, inzwischen in Kars lebt und sich eben von ihrem Mann getrennt hat. Im Grunde ist er an Politik und Religion nur wenig interessiert und folgt also, ganz Dichter, dem Ruf seines Herzens (und seiner Hormone, was für Dichter jedoch ein und dasselbe ist).
In Kars angelangt, wird Ka von heftigem Schneefall ("Kar"...) überrascht. Der Schnee fällt so heftig, dass die Stadt binnen Kurzem von der Außenwelt abgeschlossen ist - Ka sitz wegen Kar in Kars fest sozusagen.
Die meiste Zeit ist Ka Beobachter, und um ihn herum entfaltet sich im Mikrokosmos Kars eine religiös-politische Seifenoper in Form einer Mini-Revolution. Ka ist kein "Akteur", sondern ein "Visiteur". Er steht in diesem türkischen Mikrokosmos für den Westler, den Aufgeklärten, den Atheisten und den Suchenden (denn im Grunde seines Herzens ist er mitnichten Atheist...).
Pamuk ist offensichtlich ein großer Verehrer Kafkas, und ähnlich wie dessen Held Josef K. in "Der Prozess" ist Ka zunächst scheinbar unschuldiges Opfer, welches in Dinge hineingezogen wird, zu denen er eigentlich keinen Bezug hat. Im Laufe des Romans jedoch lernt der Leser, dass die Bezüge Kas zu den Ereignissen in Kars auf tieferen Ebenen wohl da sind.
Die Stadt Kars wird von Pamuk als kleine, überschaubare Version der Türkei inszeniert. Alle in der Türkei aktuell wichtigen Strömungen (normale Leute, Künstler, Journalisten, Polizei und Spitzel, Militärs, Kopftuchfrauen und natürlich die Islamisten) begegnen einem hier in Form von Individuen. Dieser Ansatz erlaubt es Pamuk, gesellschaftliche Strömungen zu durchbrechen und uns in Form von Einzelschicksalen nahe zu bringen.
Es gibt eben nicht "DEN Islamisten", hinter jeder weltanschaulichen Überzeugung steht ein Individuum, ein Mensch welcher an der Welt leidet und sich auf der Suche nach Antworten oft in Irrwegen verfängt.
Mir scheint ausserdem, dass Kars Liebe, Ipek, symbolisch für die Türkei steht. Er liebt sie heiß und innig, verbringt aber den Großteil seines Lebens fern von ihr. Hinzu kommt, dass sie sich ihm zwar hingibt, sich aber letztlich weigert, ihn nach Deutschland zu begleiten. Im Grunde ist er zwar zu ihr hingezogen und von ihr abhängig (Ipek ist auch ein Symbol seiner Mutter), aber er versteht sie nicht wirklich, sie bleibt ihm gleichzeitig ein ewiges Rätsel.
So gesehen ist Ipek zugleich die personifizierte Mutter, Muttergottheit, das ewig Weibliche und auch die Nation, und Kas ewiges Schwanken zwischen Liebe, Abhängigkeit und Resignation bezüglich ihr ist damit auch gleichzeitig Ursache seiner Leiden und Motor seiner Kreativität.
Wie ist es?
"Schnee" ist kein einfacher Roman für zwischendurch. Wer überhaupt kein Interesse hat an aktuellen Strömungen in der Türkei (oder in anderen islamisch geprägten Ländern), der wird diesen Roman schnell wieder aus der Hand legen.
Natürlich enthält der Roman auch viele andere Ebenen, und gerade auf der symbolischen Ebene gibt es eine Reihe von Leitmotiven, welche ihn auch unabhängig vom konkreten Beispiel "Türkei" interessant machen.
Mir persönlich hat "Schnee" sehr gut gefallen, geht es mir doch wie den meisten Deutschen so, dass ich zwar türkische Freunde und Bekannte habe, im Grunde aber von dem Land, dessen Volk den größten Teil an Einwanderern in Deutschland darstellt, beschämend wenig weiss.
Das Buch ist im Übrigen stellenweise mit erfrischendem, teilweise auch etwas zynischem Humor gespickt.
Der Schnee dient in dem Roman als Symbol in mehrfacher Hinsicht.
Als "Kollektiv"-Schnee ist der Schnee ein Symbol für Gott, für das Universale, das Allumfassende. Der Schnee ist konkret das Schicksal für Ka und für Kars, zumindest während der 3 Tage, in denen die Stadt komplett von der Außenwelt abgeschlossen ist.
An einer Schlüsselstelle des Romans jedoch zeigt sich, dass der Schnee als einzelne Schneeflocke auch für den Menschen, für seine Individualität, seine Träume, seine Geschichte und letzlich sein Sterben (und aufgehen im Kollektiv) steht.
Andere wichtige Symbole des Romans sind "Der Ort, an dem Allah nicht ist", das grüne Buch, in welches Ka seine spontan ihm eingegebenen Gedichte schreibt und die diversen Farben, welche immer wiederkehren.
Fazit
"Schnee" ist ein lohnender, aber anstrengender Roman. Für mich hat er zur Reflexion angeregt, war und bin ich doch mit meinem Urteil über Islamisten immer sehr harsch. Konfrontiert mit Islamismus neige ich zu allgemeinen, verurteilenden Aussagen und vergesse, dass hinter jedem Fanatiker ein Mensch steckt, den eine Mutter geboren und eine Gesellschaft geprägt hat.
Als Deutscher und Europäer war der Roman für mich hochinteressant da er mir eine relativ aktuelle Aufnahme über die geistige Lage in der Türkei gegeben hat. Sollten Pamuks Schilderungen der Spitzel und der folternden Staatsbeamten, des immer noch brisanten Kurden-Problems und der nicht aufgearbeiteten Geschichte (Armenier!) auch nur zu 30% zutreffend sein, dann ist die Türkei in der Tat noch sehr weit davon entfernt, ein wahrhaft europäisches Land zu sein - ganz unabhängig vom Lebensgefühl gewisser Istanbuler Kreise.
"Schnee" ist somit ein fordernder Roman, der aber aufgrund seiner Sprache dennoch geeignet ist für verschneite Tage, viele Tassen Tee auf dem Sofa und Reflexionen über Gott, das Leben und den ganzen Rest.
16 Dezember 2009
Alice Sebold: "In meinem Himmel" ("The lovely Bones")

Dieser amerikanische Roman dürfte derzeit vermehrt Aufmerksamkeit geniessen, denn die Verfilmung von Peter Jackson ist inzwischen schon in vielen Kinos gestartet (hier in Irland läuft der Film "The lovely Bones" bereits).
Ich habe dieses Buch diesen Herbst gelesen, als die Tage immer kürzer wurden und die Landschaft immer trister. Es war das ideale Buch für die tägliche Bahnfahrt von und zur Arbeit, aber auch abends und am Wochenende konnte ich das Buch stellenweise nicht aus der Hand legen.
Worum geht es?
Die Geschichte ist schnell zusammengefasst. Das Mädchen Susie Salmon ist ein normaler Teenager in einer normalen amerikanischen Kleinstadt der 1970er-Jahre. Sie ist eben in der Phase ihres Lebens angelangt, in welcher die erste kleine Romanze mit einem Schulkameraden sich beginnt zu entfalten, als sie eines kalten Dezemberabends von einem Nachbar in einem nahe gelegenen Maisfeld vergewaltigt und getötet wird.
Von "ihrem Himmel" aus verfolgt sie von nun an das Leben ihrer Familie und Freunde über die kommenden Monate, ja Jahre. Dabei dreht sich zunächst fast alles, was sie mitbekommt, um sie - die Menschen, die mit ihrem Verlust zurecht kommen müssen und deren verschiedene Arten, mit ihrem Verlust fertig zu werden.
Wie ist es?
Alice Sebold erzählt in "In meinem Himmel" sehr einfühlsam und teilweise äußerst spannend und schockierend die Geschichten von Susie's Familienangehörigen und Freunden. Auch die Geschichte und Persönlichkeit ihres Mörders wird dargestellt, und bei dem Blick in die seelische Leere und auf den "Dark Passenger", welcher in diesem Menschen zu wohnen scheint, konnte ich mich des schauderns nicht erwehren.
Es sind aber vor allem die Wege und Irrwege Ihrer Eltern, jüngeren Schwester und des kleinen Bruders, sowie der engsten Schulfreunde, welches dieses Buch so interessant machen. Die subtilen Verbindungen zwischen den Menschen in der Kleinstadt, und das leere Zentrum, welches als das Bindeglied dieses "Netzwerkes" die ermordete Susie ist, machen aus diesem kleinen, aber feinen Roman eine sehr lesenswerte Geschichte über die Unzulänglichkeiten unseres Lebens, die Sinnlosigkeit unserer Bestrebungen und Eitelkeiten im Angesicht des Todes, aber auch über die Schönheit wahrer Menschlichkeit.
Fazit:
Lesen! Dieses Buch passt in die kalte Jahreszeit, es ist keine Strand- oder Urlaubslektüre, und kein Buch, dass man so schnell vergessen wird. Ich bin froh, dass ich es las, bevor der Film auf den Markt kam, denn im Laufe des Lesens habe ich eine sehr persönliche Beziehung zu Personen wie Susie's Vater aufgebaut, und die ersten Screenshots vom Film haben mich sehr enttäuscht, ich finde, einige Schauspieler (v.a. Susies Vater) sind so weit von der Buchvorlage entfernt, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass ich den Film so sehr geniessen werde wie ich das Buch genoss.
05 Dezember 2009
Mark Helprin: "Wintermärchen" ("Winter's Tale")

29 November 2009
Michael Moorcock: "Elric von Melniboné" ("Elric of Melniboné")

Nichts desto Trotz ist die Elric-Saga nach wie vor ein "must" für alle Fantasy-Fans. Als Fantasy-Fan Elric nicht zu kennen ist wie... nun wie ein Pop-Fan der noch nie etwas von den Beatles gehört hat. Man muss die Beatles nicht mögen, und kann trotzdem einen ausgezeichneten Musikgeschmack haben, aber sie sind Teil des "kollektiven Musik-Bewusstseins" - und genau so ist Elric (neben dem "Herrn der Ringe", der Narnia-Reihe und den "Nebeln von Avalon") einer der Grundsteine moderner Fantasy-Literatur.
James Joyce: "Ein Porträt des Künslers als junger Mann" ("A Portrait of the Artist as a young man")

Joyces "Porträt", mit sein frühester Roman, wird oft als gute und einfache "Einstiegslektüre" zu seinem Gesamtwerk und vor allem zu seinem Hauptwerk "Ulysses" betrachtet.
Nachdem ich am "Ulysses" mehrfach gescheitert bin dachte ich, dass ich mich zunächst einmal besser an diesem Buch versuchen sollte. Also besorgte ich mir die englische Ausgabe (ganz stilvoll gekauft am "Bloomsday" im "Joyce Tower" in Dublin) und verbrachte einige Zeit damit, dieses Buch und damit auch die Kindheit und Jugend des Autors, zu entdecken.
Besonders reizvoll für mich war diese Lektüre auch deshalb, da ich als Arbeitsemigrant in Dublin damit auch ein Bild von der Stadt von vor über 100 Jahren erhielt.
Das "Porträt" ist ein autobiographischer Bericht über Joyces Kindheit und Jugend im Dublin des späten 19. / frühen 20. Jahrhunderts - und es ist ein Meisterwerk!
Ich gestehe dass ich auch so meine Schwierigkeiten mit diesem Buch hatte, und dass ich ohne die fundierten und ausführlichen Fußnoten meiner Originalausgabe schon bald den Faden verloren hätte - zu viele lokale, geschichtliche und religiöse Anspielungen sind in diesem Buch auf engstem Raum untergebracht. Diese geben der Erzählung ihre Dichte und Tiefe, sind aber für den "nicht Eingeweihten" (also nicht irischen, nicht Dubliner, nicht Katholiken) ohne Hilfe nur schwer zu entziffern.
Auf der anderen Seite habe ich durch dieses Buch sehr viel über Dublin und irische Geschichte gelernt - aus der Perspektive des heranwachsenden und erwachsen werdenden James Joyce - welche Privileg!
Joyce hatte seine irischen Landsleute sehr kritisch betrachtet. Er machte es sich selbst nicht einfach und übernahm die damals gängigen Ansichten und Betätigungen, die um ihn herum alle betrieben, um "echte Iren" zu sein (Gälisch lernen, Hurling spielen) bewusst NICHT. Er war ein desillusionierter Ire, der akzeptiert hatte, dass die keltische und keltischsprachige Vergangenheit ein für alle mal Geschichte war. Für die Bemühungen seines Zeitgenossen Yeats, der sich aktiv für die Wiederbelebung der irischen Sprache bemühte, hatte er nur ein müdes Lächeln übrig, und er weigerte sich vehement, dessen okkult-romantische Sicht der Vergangenheit zu übernehmen.
"Irland hat immer nur fremden Herren gedient. Wir sind die Hure Londons und die Hure Roms. Beide Imperien, das Römische und das Britische, haben uns über Jahrhunderte geknechtet und geformt. Über die Jahrhunderte hinweg nach dem ursprünglich irischen, dem Altkeltischen zu suchen, und dabei eine Revolution mit Hurling-Sticks zu organisieren - das ist an sich schon ein Witz, ein tragisch-vergeblicher bestenfalls, aber wahrscheinlich einfach ein Dummer" - so könnte man Joyces' Meinung zu der kulturell-politischen Situation seiner Zeit wohl zusammenfassen.
Wer dieses Buch liest, der versteht warum es für Joyce zum Exil keine Alternative gab. Erst in der Ferne konnte er auf natürliche Art und Weise "Ire" sein. Einem Freund sagte er bereits sehr jung: "Weil der Weg nach Tara [Sitz der keltischen Hochkönige in der irischen Antike] über Holyhead führt" (Holyhead in Wales war der klassische Übergangshafen für Iren, welche ihrem Land in Richtung England und Europa den Rücken kehrten). Damit wollte Joyce ausdrücken, dass er nur in der Ferne einen Zugang zum "echten" Irland finden konnte.
"Warum sollte ich für meine Vorfahren leiden, die einer anderen Rasse das Land überliessen, ihre Sprache übernahmen..." etc... sind die verbitterten Äusserungen des jungen Joyce.
Joyces' Meinung zur katholischen Kirche sind noch drastischer.
In den "religiösen" Kapiteln - Joyce war in seiner Kindheit und frühen Jugend ein glühender Katholik und fast schon auf dem Weg, ein jesuitischer Pater zu werden - zeigt Joyce, wie viel die Weltliteratur den Jesuiten zu danken hat: hätten diese ihn nicht erst zum Fanatiker, dann zum fanatisch kranken und schuldbeladenen Sünder gemacht - wer weiss ob sein literarisches Genie mit solcher Inbrunst nach Aussen gedrängt hätte.
Man erhält einen direkten und intimen Einblick in die Art und Weise, wie die jesuitische Erziehung ganze Generationen von Menschen von Klein auf "geistig verkrüppelt" hat mit ihren erzkatholischen Anschuungen, welche den Körper per se als "sündig" darstellen. Man sieht hier eine Religion der Angstherrschaft und des Terrors über die eigene "Herde".
James Joyce - es tut mir wirklich Leid, dass Du all das durchmachen musstest. Aber ich bin auch froh darüber, denn ohne diese Erfahrungen hättest Du uns nie solch Größe gezeigt.
P.S.: Einen sehr guten (englischen) Kurz-Essay über das Buch findet der interessierte Leser hier: http://english.agonia.net/index.php/article/63510/Stephen%E2%80%99s_Escape_in_Portrait_of_the_Artist_as_a_Young_Man
Leenders / Bay / Leenders: "Jenseits von Uedem"

Für jemanden, der noch nie in Uedem oder in der niederrhenischen Gegend um Uedem war, wird dieses Buch einfach ein Krimi unter vielen sein.
Aber nachdem ich die Gegend um Uedem, Kleve, Xanten, Goch etc... besuchte, war die Lektüre dieses Buches sehr spannend und brachte einige schöne Erinnerungen zurück.
Die Story an sich ist simpel - es beginnt mit dem mysteriösen Tod eines Privatdetektives während der "Herrensitzung" des Klever Karneval.
Die Hauptpersonen sind eine Gruppe von Polizeibeamten der "Kripo Kleve", und der kurze Roman beschreibt ihre Untersuchungen auf der Jagd nach dem Mörder.
Das Buch hat einen großen Fehler: es ist zu kurz. Nein, nicht aus dem Grund, aus welchem "Der Herr der Ringe" für alle Fans zu kurz ist, sondern am Ende war ich wirklich erstaunt wie schnell und auch etwas lieblos die Geschichte aufgelöst und beendet wird. Zu Beginn entspannt sich die Geschichte in mehreren Schichten und man wird hineingezogen in den niederrheinischen Mikrokosmos. Ich werfe es dem Autoren-Trio auch heute noch vor, mich erst in die Geschichte "eingefangen" zu haben, nur um mich am Schluss in einigen wenigen Seiten wieder aus ihr hinaus zu werfen.
Nach dem Lesen hatte ich das Gefühl, dass nicht alle "losen Enden" verknüpft wurden (z.B. die Love-Story zwischen zwei Ermittlern), was nie wirklich schön ist.
Mein Resüme: zu Beginn stark, dann lässt so ab der Mitte des Buches die Spannung nach und der Abgang ist leider schwächer als erwartet.
Und so kann ich das Buch wirklich nur Leuten empfehlen, die eine persönliche Beziehung zum Niederrhein haben.
