Mein Biblioversum - das Universum meiner persönlichen Bibliothek. Seit ich lesen kann, sind mir meine Bücher stets meine wichtigsten Begleiter gewesen. Dieses Blog stellt den Versuch dar, gelesenes nun dem geneigten Besucher vorzustellen und Anregung für eigene Lektüre zu geben. Nicht mehr, nicht weniger.
03 Juli 2010
Joe Abercrombie: "Kriegsklingen. First Law 1" ("The Blade Itself")
Als ich im April wegen der isländischen Aschewolke länger als geplant in Deutschland fest sass und eine langwierige Rückfahrt nach Irland mit Bahn und Fähre vor Augen hatte, betrat ich den Böblinger Fantasy-Laden "Fantasy Strongpoint" in der Hoffnung, hier ein halbwegs brauchbares Fantasybuch für unterwegs zu finden. Der Verkäufer muss mir meine Ratlosigkeit sofort angesehen haben (es ist Jahre her dass ich mich in Fantasy- und Rollenspieler-Gefilden bewegte) und dachte wohl zunächst ich hätte mich im Laden geirrt.
Auf meine Frage nach einem guten Fantasy-Roman für eine lange Reise, der aber mehr als nur Kurzweil bietet und nicht die ewig bekannten Strickmuster (Hohlbein, RPG-Romane) wiederholt griff er zielsicher ins Regal und empfahl mir Abercrombie wärmstens. "Ganz ungewöhnlich gut, sehr dick aber ich hab den ersten Band an einem Wochenende durch bekommen."
Ungewöhnliche Dialoge und Charaktere, Sarkasmus, ja Zynismus und eine eher desillusionierte Fantasy-Welt versprach mir der gute Mann.
Er hat nicht zuviel versprochen - "Kriegsklingen" war so gut, dass ich mir, zurück in Irland, die beiden weiteren Bände der Trilogie (Feuerklingen und Königsklingen) schnellstens bestellt und inzwischen auch schon längst durchgelesen habe.
Um was es gehtDie Rahmenhandlung klingt erschreckend banal, und auch der Rückentext klingt eher nach Fantasy für Arme: ein Barbar namens Logen, der "vom kämpfen genug hat", ein Inquisitor namens Sand dan Glokta und ein Magier namens Bayaz sind laut Rückentext die Hauptakteure des Romans. Was die Beschreibung nicht verrät ist, dass es sich hier eher um "Fantasy für Erwachsene" handelt. Es wird geflucht, es wird (viel) geblutet, die Hoffnungslosigkeit der Akteure steigert sich von Kapitel zu Kapitel, die "Entzauberung der Welt" schreitet auch hier voran. Doch ich greife vor.
Fantasy ohne AnalfixierungMan unterscheidet ja landläufig zwischen sogenannter "High Fantasy" und "Low Fantasy". Erstere geht eher in die Tolkien'sche Richtung und bietet Welten voller Magie und Zauberei, wohingegen Letztere eher in die Richtung "Conan der Barbar" (oder Hohlbeins "Enwor-Reihe", um ein mittelmässig gutes Beispiel aus deutschen Landen zu zitieren) geht, sprich in Welten in denen der Kampf und das Gemetzel an erster Stelle stehen und Magie eher eine Randerscheinung darstellt.
Nach dieser groben Klassifikation fällt Abercrombies Klingen-Trilogie ganz klar in die "Conan"-Ecke - ein Genre dass mir eigentlich noch nie so richtig gefallen hat.
Anders als viele der "Low Fantasy"-Kassenschlager steht aber bei Abercrombie das Gemetzel nicht im Vordergrund (obwohl es auch hiervon mehr als genug gibt), sondern ganz klar die Charaktere. Auch hat Abercrombie keine Geschichte geschrieben, in der es wieder mal nur darum geht, von A nach B zu reisen, auf dem Weg möglichst viele Gegner umzuhauen und dann mit Artefakt X Feind Z zu erledigen. Kein Ring, keine Prinzessin und kein Schatz stehen im Mittelpunkt, und das ist gut so.
Auch der seit Tolkien oft grassierende "Fantasywelt-Karten"-Virus ist an Abercrombie - den Göttern sei Dank! - spurlos vorbei gegangen. Zwar ist seine Welt komplex und scheint mindestens 3 Kontinente zu umfassen. Abercrombie ging es aber im Gegensatz zu Tolkien und Konsorten nicht um die minutiöse Darstellung einer Parallel-Welt. Es gibt keine Gedichte und keine Sprachen-Schöpfungen. Welches Land wo liegt kann sich der Leser ungefähr vorstellen, und das reicht auch vollkommen aus. So gesehen ist "Kriegsklingen" ein Fantasy-Roman ohne die in diesem Genre so weit verbreitete Analfixierung.
Zynismus und HoffnungslosigkeitLustigerweise kommen all die zwei Abschnitte weiter oben erwähnten Elemente sogar vor (bis auf den Schatz vielleicht), aber Abercrombie scheint hier absichtlich klassische Fantasy-Elemente zu verwenden um zu zeigen, wie viel mehr er auf dem Kasten und im Sinn hat. Denn wo bei Dutzend-Autoren sich deren Originalität und Repertoire schon beim Fabrizieren einer halbwegs (un)plausiblen Storyline erschöpft, nimmt Abercrombie all dieser Versatzstücke, macht daraus eine mächtig spannende Geschichte - und transzendiert diese Themen gleichzeitig, indem er den Fokus auf die Schicksale, Gefühle, Entwicklungen und Rückschläge der Protagonisten legt.
Dass Abercrombies ganz persönliche Sicht der Welt und des menschlichen Schicksals eine desillussionierte und zynische zu sein scheint wird mit zunehmendem Maße klar, denn wer Romane liest um mit lauter "Happy Ends" belohnt zu werden, der sollte lieber gleich bei den üblichen Verdächtigen bleiben.
Die HauptpersonenDer Roman hat drei Haupthandlungsstränge.
Zunächst einmal ist da der Nordland-Barbar Logen. Ein wilder, alterfahrener Kämpe, der sich im ganzen Norden auch als "Blutiger Neuner" einen Namen gemacht hat. Dies rührt daher, dass er vor langer Zeit bei einer Schlacht einen Teil seines Mittelfingers verlor. Ansonsten ist er ein "todbringender Dreckskerl" (dies gibt in etwa die Umgangssprache der Nordländer wieder), der mehr Blut und Elend über die Welt gebracht hat als jeder Andere.
Der Leser begegnet Logen gleich zu Beginn des Romans, als dieser in einer recht aussichtslosen Lage steckt. Es wird schnell klar dass Logen sich eigentlich schon lange nichts sehnlicher wünscht, als ein Leben in Ruhe und Frieden, aber wie er selbst ständig sagt: Blut bringt immer nur mehr Blut hervor, und davon hat er mehr als genug an den Händen. Und man muss in solchen Dingen einfach realistisch sein.
Als Logen als einziger Überlebender ein Gemetzel mit den menschenfressenden "Plattköpfen" überlebt, beschließt er die Nordlande zu verlassen und sich im Süden ein neues, friedlicheres Leben zu suchen.
Dieser Süden, dass sind aus Logens Sicht die Reiche der "Union", des kulturell und technisch am Entwickelsten Teils dieser Fantasy-Welt. Hauptstadt der Union ist die prächtige Hafenstadt Adua, und in ihr wohnen zwei der anderen Hauptprotagonisten.
Sand dan Glokta ist eine tragische Gestalt. Einst war er strahlender Gewinner des jährlichen Fechtturniers von Adua und ging als Held einer Schlacht mit den Erzfeinden der Union, den Gurkhisen vom südlichen Kontinent, hervor. Leider geriet er dort in Gefangenschaft und verbrachte lange, qualvolle Jahre der Folter und Verstümmelung in den Kerkern des gurkhisischen Imperators.
Heute ist er nur noch ein Schatten seiner selbst. Seine Folterknechte haben ihn nicht nur eines halben Beines, fast sämtlicher Zähne und seiner Gesundheit beraubt, sondern auch seines Lebensmuts und seines Stolzes. Als humpelnder, von Krämpfen und Schmerzen geplagter Krüppel wandte er sich der Inquisition zu, für die er sich nun selbst als Folterknecht einen grausigen Namen gemacht hat. Mit der Frage konfrontiert, wie er denn nur so etwas tun könne, wo er doch selbst Opfer grausamster Folterungen wurde, erwidert er stets nur lakonisch: "Was sonst hätte ich denn werden können - wer außer mir weiß denn besser wie man Folter am effektivsten Einsetzt?"
Und so befindet er sich in einer ähnlichen Lage wie Logen der Barbar: Opfer der Umstände, geplagt von Selbstmitleid und Fatalismus ist er nur noch der Schatten eines freien Menschen.
Aus deutscher Perspektive erinnert Glokta übrigens vor allem gegen Ende des dritten Bandes immer mehr an Wolfgang Schäuble. Doch hierauf genauer einzugehen wäre quasi schon ein "Spoiler"...
Jezal dan Luthar, ein Soldat der Union adeliger Abstammung, ist da aus anderem Holz. Jung, hübsch und mit übergroßem Ego gesegnet, verbringt er seine Tage mit Karten spielen, Zechen und der Jagd auf das schöne Geschlecht. Zu dumm dass er auserkoren wurde, in diesem Jahr als Kämpe im Turnier anzutreten. Er wird im Verlauf der Trilogie auch eine interessante Entwicklung nehmen.
Bayaz, erster der Magi, und auch hier gelingt es Abercrombie, zunächst sämtliche Klischees zu bedienen und den Charakter (und das Fantasy-Klischee) dann stückweise zu zerlegen und uns auch hier Seiten zu zeigen, die wir so nicht erwartet und vielleicht lieber nicht gesehen hätten.
Weitere Charaktere sind Bayaz Schüler Malacus Quai und eine seltsame Kreatur aus dem Süden namens Ferro Maljinn, eine dunkelhäutige, gelbäugige Frau von wildem Temperament, die Rache an den Gurkhisen als Hauptmotivation ins Spiel bringt sowie Oberst West und seine Schwester Ardee.
Es gibt eine ganze Reihe weiterer (Neben)Charaktere, und hier liegt die große Stärke und Faszination der Trilogie: jeder Charakter ist glaubhaft, man erkennt und versteht seine Motive (auch wenn man als Leser natürlich ab und an auch an der Nase herum geführt wird und sich erst später herausstellt, was die wirklichen Motive der Person waren - wie im richtigen Leben halt). Es ist diese greifbare, menschliche, plastische und glaubhafte Darstellung (und Entwicklung) der Charaktere, welche aus dem Roman ein solches Lesevergnügen macht.
Themen
Der erste Teil der Trilogie dient Abercrombie dazu, die Bühne vorzubereiten und die Hauptakteure so zu präsentieren, wie er sie dem Leser zunächst verkaufen möchte. Natürlich ist keiner der Protagonisten ein unbeschriebenes Blatt, selbst der junge und unerfahrene Jezal verfügt bereits über eine ganze Reihe von (unschönen) Charakterzügen.
Hier gibt es auch keine klare "Schwarz-Weiss"-Trennung. Keiner hier ist "gut" oder "böse", schon gar nicht "nur gut" oder "nur böse". Tendenzen gibt es auf jeden Fall, Intrigant ist hier fast jeder, und das eigene Fortkommen scheint die Hauptmotivation so ziemlich aller Charaktere zu sein.
So gesehen ist "Kriegsklingen" natürlich ein schrecklich moderner Roman. Er erzählt uns wesentlich mehr über unsere eigene Epoche als über eine imaginäre Fantasywelt auf der Kulturstufe der ausgehenden Renaissance.
Bis wir in den unglückseligen Zustand ständiger "Connectivity" und überall frei abrufbarer und ständig verfügbarer Information gelangten, hatte die Welt ja noch wesentlich mehr "Zauber" und "magisches". Filme aus der vor-Internet-Ära sind noch nicht so extrem geprägt von innerer Leere, Kraft- und Hoffnungslosigkeit. Spätestens seit dem Siegeszug von DSL und den Suchmaschinen lebt ein Großteil der westlichen Gesellschaften in einem ständigen Informationsfluss, ein grundlegendes Lebensgefühl, dass "da draussen" irgendwo noch etwas wunderbares und unerwartetes auf uns warte, ist jedoch passé. Wenn jede Internet-Suche nach einem x-beliebigen Thema 3 Fantastiliarden Ergebnisse bringt, dann führt dies nicht zu besserer Informiertheit der Bürger, sondern zur entsetzlich ernüchternden Einsicht dass ein Leben eh nicht ausreicht, um sich auch nur ein halbwegs passendes Bild vom Universum zu machen, geschweige denn eine wie auch immer sich darstellende spirituelle "Reise" oder "Entwicklung" mit Aussicht auf auch nur mässigen Erfolg anzupacken.
Das Ergebnis der ständig verfügbaren Information ist leider Gottes Resignation und geistige Verflachung sowie eine zunehmende Abhängigkeit von Gadgets, denn inzwischen ist man ja froh, wenn man sich auch nur die eigene Telefonnummer merken kann.
Schweife ich ab? Nicht wirklich, denn ich habe so weit ausgeholt um deutlich zu machen, dass Abercrombies Roman zwar in einer Welt des 15. Jahrhunderts spielt, in der Magie zudem noch vorkommt und durchaus Einfluss und Wirkung hat. Dass der Roman aber ansonsten ganz deutlich ein Kind der "00er"-Dekade des zweiten Jahrtausends unserer Zeitrechnung ist.
Die Protagonisten sind Egomanen, sie suhlen sich in Selbstmitleid und sie sind fast durchweg arrogante Ignoranten, denen der Sinn für Geschichte und Bildung abhanden gekommen ist. Negatives Denken und eine fast schon lethargische Akzeptanz des angeblichen "Schicksals" sind weitere Themen, die Abercrombie hier bearbeitet.
Dabei entwickeln sich die Charaktere dennoch, oft ohne es wirklich zu merken. Dass sie letztlich nur kleine Rädchen im Getriebe der Welt sind und im Hintergrund alte Mächte die Fäden spinnen; dass Banken und Geld dabei sind die neue Religion und die neue Magie zu werden dürften weitere Seitenhiebe Abercrombies auf unsere aktuelle Gesellschaft sein.
Der erste Band endet mit mehreren offenen Handlungssträngen, die den Leser nicht in Ruhe lassen und dazu führen, dass man sich den zweiten Band "Feuerklingen" quasi sofort nach dem Zuschlagen der Buchdeckel kauft oder bestellt.
Fazit
Lesen! Das einzige mögliche Fazit. Wer sich auch nur etwas aus Fantasy macht, wird hier voll auf seine Kosten kommen.
Und wer von der herkömmlichen Fantasy-Literatur genug hat und endlich mal wieder Bücher aus dem Genre verschlingen möchte, sich in eine faszinierende und dekadente Welt hineinfallen lassen möchte, der wird hier Erfüllung finden.
29 März 2010
G. Gumpert / E. Tucai: "Ruhr.Buch - Das Ruhrgebiet literarisch"
2010 ist das "Ruhrgebiet" bzw. der "Regionalverband Ruhr" zur europäischen Kulturhauptstadt avanciert. Dieser Band ist ein Lesebuch aus und über diese "Kulturhauptstadt".
Mit der Stadt Essen als Zentrum und 52 weiteren Städten aus dem "Regionalverband Ruhr" entfaltet sich hier vor dem geneigten Leser das Kaleidoskop einer allzu oft unterschätzten Region. Für viele Deutsche nämlich war und ist "der Kohlepott", wie das Ruhrgebiet auch "liebevoll" genannt wird, einfach nur ein Synoym für graue, nichtssagende Städte, die sich ohne sichtbare Grenze aneinanderreihen, von Kohlebau und Naturzerstörung, und natürlich von Hochöfen und Industrie.
Dieses Lesebuch zeigt aber, dass "der Pott" anders ist - überraschend grün und innovativ, und neben den Klischees von Kohlekumpeln und Taubenzüchtern, von Schalke und Duisburger Hochöfen eben auch viele andere, unerwartete Seiten hat.
Der Ansatz, den die Herausgeber gewählt haben, ist ein "ganzheitlicher" - denn die Auswahl der Texte reicht weit zurück in die Vergangenheit, und so ist auch ein Ausschnitt aus dem "Nibelungenlied" vertreten. Es gibt viele Texte aus dem 19. und aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Heine ist ebenso vertreten wie Böll, Georg Kreisler disst Gelsenkirchen und Ricarda Huch zeichnet in ihrem Text aus dem Jahr 1927 ein Bild Dortmunds vor der Zerstörung im 2. Weltkrieg, wie man es heute wohl nirgendwo mehr so finden wird.
Natürlich sind viele der Texte auch voller Lokalkolorit, v.a. der Säufertext "Predigkeits Predikt" von Jürgen Lodemann fällt klar in diese Kategorie. Aber auch Frank Goosens Text "Wieso Fußball?" ist hier absolut Spitze - ein Auszug sei hier angebracht:
"Ich stelle mir das so vor: Menschen, die Briefmarken sammeln, Modellflugzeuge bauen oder Turniertanz betreiben, sitzen an einem ereignisarmen Sonntagnachmittag sinnend auf ihrem Wohnzimmersofa und fragen sich: 'Wo bin ich in meinem Leben falsch abgebogen?'
So eine Frage stellt sich ein Fußballfan überhaupt nicht. Fragen Sie bei uns in der Gegend einen Fußballfan: 'Wieso gehst Du ins Stadion?', antwortet der nur: 'Watt?'
Der versteht die Frage überhaupt nicht.
'Wieso gehst Du zum Fußball?'
'Is doch Samstach!'
Fußball ist uns zwischen Duisburg und Unna, zwischen Recklinghausen und Hattingen ins Genom übergegangen, unsere Doppelhelix besteht nicht aus Aminosäuresequenzen, sondern aus echtem Leder."
Solche amüsanten Texte finden sich hier ebenso wie eine Reise Ralph Giordanos nach Duisburg, um sich dort die Panik von extremen Christen vor dem Bau einer Moschee anzuschauen, oder eben ein Auszug aus Heinrich Heines "Westfälischem Wintermärchen", wo er so schön über die Westfalen schreibt:
"Der lieben Westphalen, womit ich so oft
In Göttingen getrunken,
Bis wir gerührt einander an's Herz
Und unter die Tische gesunken!
Ich habe sie immer so lieb gehabt,
Die lieben, guten Westphalen,
Ein Volk so fest, so sicher, so treu,
Ganz ohne Gleißen und Prahlen.
Wie standen sie prächtig auf der Mensur,
Mit ihren Löwenherzen!
Es fielen so grade, so ehrlich gemeint,
Die Quarten und die Terzen.
Sie fechten gut, sie trinken gut,
Und wenn sie die Hand dir reichen,
Zum Freundschaftsbündniß, dann weinen sie;
Sind sentimentale Eichen.
Viele Facetten, viele Zeitalter, viele Stimmungen vereint dieser Band, und das auf unter 300 Seiten und für unter 10,- Euro - jedem, der sich einmal näher mit dem Ruhrgebiet auseinandersetzen möchte, sei das "Ruhr.Buch" wärmstens empfohlen!
08 Februar 2010
Robert A. Heinlein: "Fremder in einer fremden Welt" ("Stranger in a strange land")
Robert A. Heinlein: "Stranger in a Strange Land"
Den meisten nicht-ScienceFiction-Fans wird Robert Heinlein - wenn überhaupt - als Autor des Buches "Starship Troopers" einfallen. Die wenigsten Film-Fans dürften das Buch jedoch gelesen haben.
Noch unbekannter außerhalb der SciFi- und Heinlein-Fangemeinde ist sein wohl wichtigster Roman "Fremder in einer fremden Welt" ("Stranger in a strange land").
Innerhalb des Science-Fiction-Genres ist dieser Roman zwar ein Meilenstein, aber wie das so oft ist mit Meilensteinen: mehr als den Namen kennen die meisten Leute, wenn überhaupt, nicht. Oder hat einer unter meinen werten Blog-Lesern den "Mann ohne Eigenschaften" gelesen?
In den USA ist dies mit Sicherheit anders - Heinleins Werk ist dort wesentlich bekannter als hierzulande, und vor allem für die Hippie-Bewegung war der Roman von großer Wichtigkeit.
Die ursprüngliche Version musste Heinlein um einiges zensieren, bevor ihm eine Publikation erlaubt war (bevor man auf China zeigt sollte man solche Begebenheiten im angeblich "freien" Westen nie vergessen). Erst lange nach seinem Tod konnte seine Witwe die unzensierte Version veröffentlichen. Ich beziehe mich im Rahmen dieser Rezension auf diese englische Vollversion des Romans.
Worum es geht
Michael Valentine Smith, einer der Hauptcharaktere des Romans, ist der "Mann vom Mars". Im ersten Kapitel wird beschrieben, wie eine erste Mars-Mission zwar zu erfolgreicher Landung führt, dann aber der Kontakt abbricht. Jahre später trifft eine zweite Mars-Mission auf dem Roten Planeten ein, und die Besatzung findet als einzigen lebenden "Rest" der ersten Mars-Mission das Kind zweier - verstorbener - Crew-Mitglieder.
Smith wurde von den Ureinwohnern des Mars - Wesen, welche sich in so ziemlich jeglicher Hinsicht von uns Menschen unterscheiden - aufgezogen und ist damit zwar biologisch ein Mensch, aber von seiner Psyche, Kultur, Veranlagung und Prägung durch und durch Marsianer.
Er wird zur Erde zurück gebracht und dort - er muss sich zunächst an Druck- und Athmosphärenbedingungen der Erde gewöhnen - in einem Krankenhaus unter oberster Sicherheitsstufe verwahrt.
Er befindet sich sofort in Lebensgefahr, denn die politische Lage auf der Erde ist äusserst kompliziert. Eine etwas skurrile Rechtsprechung aus Zeiten der Mond-Eroberung macht aus Smith nämlich den alleinigen rechtmässigen "Besitzer" des Mars, und dazu noch den reichsten Menschen der Erde, denn er ist auch der Erbe am Patent des bislang einzig funktionierenden Raum-Antriebs.
Michael Valentine Smith jedoch weiß nichts von all diesen irdischen Verwirrungen, denn er versteht zunächst nicht einmal kein Wort Englisch, sondern auch menschliche Konzepte wie "Gesetz", "Besitz" oder "Reichtum" sind ihm gänzlich fremd.
Auf eine seiner Krankenschwestern hat seine naiv-unschuldige Art große Wirkung: sie sieht in ihm den "edlen Wilden", das absolut unschuldige Lamm, dass hier Gefahr läuft, auf die Schlachtbank irdischer Rechtsprechung geführt zu werden.
Gemeinsam mit einem befreundeten Sensations-Journalisten entführen sie Smith aus der Klinik und bringen ihn in die Obhut des einzigen Menschen, der sowohl weise, reich, gewieft und mächtig genug ist, Smith dauerhaft Asyl bieten zu können - der Autor, Arzt, Rechtsanwalt und Lebemann Jubal Harshaw.
Dieser ist ein Meister im Intrigen-Spinnen und findet alsbald großen Gefallen an dem "Mann vom Mars", denn er erkennt dessen absolute Unschuld.
Im zweiten Teil des Buches - Michael Valentine Smith hat nun die menschliche Sprache und etliche menschliche Sitten und Gebräuche gelernt - macht sich Smith daran, die Menschheit von deren Elend zu befreien. Nachdem er die menschlichen Kulturen in all ihren Dimensionen studiert hat, ist er zu dem Schluss gelangt dass er eine Religion konzipieren muss, denn nur so kann er bei zumindest einigen Menschen grundlegende Veränderungen bewirken. Er gründet die "Church of All Worlds", die in mehreren Zirkeln aufgebaut ist und die Mitglieder lernen im Laufe ihrer fortschreitenden Einweihung v.a. Marsianisch, denn das Beherrschen dieser Sprache führt auch zur Entwicklung der latent im Menschen schlummernden Kräfte, was eine Verjüngung und absolute Gesundheit ebenso zur Folge hat wie sogenannte "übernatürliche" Fähgikeiten: Telekinese, Gedankenlesen, Resistenz gegen Temperaturen, Hunger etc...
So faszinierend der Gedanke für mich war, dass man durch das Lernen einer Sprache auch "übernatürliche Fähigkeiten" erwerben kann (ich fühlte mich da an das Bonmot des Sprachphilosophen Wittgenstein erinnert: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt") - der Grund für den Verbot bzw. die Zensur des Romans lag woanders. Er lag am Sex.
Richtig, "Fremder in einem fremden Land" ist ein Roman der sexuellen Freizügigkeit, der freien Liebe. Bei der Erstausgabe 1961 schlug der Roman ein wie die sprichwörtliche Bombe, und er hat die Hippie-Generation stark beeinflusst. 2010 liest sich selbst die ungekürzte Fassung diesbezüglich zwar recht unspektakulär, jedoch wirkt der Roman auch in dieser (der sexuellen) Hinsicht sehr modern. Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie er mit dem "mindset" der '61er aufgefasst wurde.
Teil, ja Herzstück der von Smith gegründeten Religion war dann auch die "freie Liebe". Der Geschlechtsakt (egal zwischen welchen Geschlechtern oder mit wie vielen Teilnehmern) wurde von Smith (unschuldig und ungeprägt von den Schuldgefühlen judeo-christlich-muslimischer Religion wie er war) als "a great goodness", also als "etwas von großer Gut-heit" empfunden und in seine Self-Made-Religion übernommen. Ihm war zwar bewusst dass er damit gegen die gesellschaftlichen Konventionen versties, hatte aber kein Verständnis für Gefühle wie Besitzdenken, Eifersucht oder ähnliches.
Aus heutiger Sicht ist es schwer vorstellbar, dass die gekürzte Ausgabe (wie erwartet waren die sexuellen Beschreibungen einer der Hauptgründe für die Zensur gewesen) dazu führte, dass sich bereits in der Hippie-Zeit tatsächlich eine Religion nach dem Romanvorbild in den Vereinigten Staaten bildete. Doch die "Church of All Worlds" gibt es bis heute, und ihre Mitglieder leben nach den Regeln, die Heinlein sich für seinen Roman ausgedacht hatte!
Ein anderer Kern-Satz der Religion war die rituelle Begrüßung "Thou art god!" ("Du bist Gott!"), was heute nach üblichem Esoterik-wischi-waschi klingt, damals aber auch gegen so ziemlich alle gesellschaftlich-religiösen Normen verstiess.
Skurill auch die Tatsache, dass ein Wort aus dem "Marsianischen" - das Wort 'grok' - durch den Roman Eingang in die englische Sprache fand. Das Wort bedeutet auf Marsianische sowohl "Wasser" als auch "Verstehen, Begreifen" und drückt wohl noch einige andere Konzepte marsianischer Lebensart aus. Heute ist es in Wörterbüchern anzutreffen und kaum jemand scheint zu wissen, dass Heinlein es sich ausgedacht hat.
Eine weitere Besonderheit des Romans ist, das Heinlein hier sein "Alter Ego" in der Gestalt des Jubal Harshaw integriert hat. Weite Teile des Buches bestehen aus Quasi-Monologen, in denen der gealterte Lebemann dem "Mann vom Mars" oder anderen Protagonisten (der Krankenschwester Gillian, dem Journalisten Ben Caxton oder einer seiner drei Sekretärinnen, Anne, Miriam und Dorcas) seine Sicht der Dinge lang und breit darstellt. Hier sprich eindeutig Heinlein selbst, und was er zu sagen hat mag Jugendliche langweilen, und ist auch aus heutiger Sicht oft eher selbstverständlich, ist aber im Kontext seiner Zeit gesehen höchst modern und "avantgardistisch".
Fazit
Es gibt wohl nicht viele Romanautoren, die es mit einem ihrer Werke geschafft haben, eine Religion zu gründen. Robert A. Heinlein ist dies mit "Fremder in einem fremden Land" unwillentlich gelungen.
Sieht man von dieser Skurrilität und dem Einfluss auf die Hippie-Bewegung einmal ab - warum sollte ein aufgeklärter, moderner Mensch des 21. Jahrhunderts Zeit und Energie (denn die benötigt man) aufwenden, um dieses Buch zu lesen?
Nun, zuerst einmal weil es ein Höllenspass ist - wirklich. Auch wenn viele Stellen des Buches aus heutiger Sicht wie selbstverständlich wirken, war es für mich ein großer Spass, über die sexuell-religiösen "Rebellen" aus Heinleins Feder zu lesen. Wertkonservative, Spießer und Philister kommen in diesem Buch zwar zu Hauf vor, aber sie kommen durchweg schlecht, sehr schlecht weg. Und das allein ist schon Grund genug, die Nase in den Schmöker zu stecken.
Als Religionswissenschaftler war es für mich dann aber auch spannend zu sehen, wie genial Heinlein die Mechanismen der Religion durch seinen Alter Ego Jubal Harshaw sezierte, die Religion dann gekonnt ad absurdum führte - nur um alle menschlichen Religionen dann durch eine gruppensexorientierte Meta-Religion zu ersetzen.
Schließlich und endlich ist der Roman zwar recht wenig "SF", aber er regt zum Nachdenken an über unsere Gesellschaft, unsere Werte und unsere so absurden Schuldkomplexe. Hinterher fragt man sich wirklich, warum die Menschheit den Weg einschlug, den sie ging, und warum Myriaden von Generationen ihr Leben im Schatten falscher Schuldkomplexe und voll von Gewalt verschwendeten, wenn doch eigentlich alles so leicht sein könnte...
27 Dezember 2009
Orhan Pamuk: "Schnee" ("Kar")
Orhan Pamuk: Schnee
In der kalten Jahreszeit wirkt der Titel dieses international wohl bekanntesten Romanes des türkischen Nobelpreisträgers Orhan Pamuk wie eine passende Lektüre. In weiten Teilen Europas liegt derzeit eine Schneedecke, und auch wenn es in Irland einfach nur kalt, trüb und neblig ist, habe ich mir diesen Roman als Lektüre zwischen den Feiertagen gegönnt.
Orhan Pamuk hat 2006 den Nobelpreis für Literatur bekommen, außerdem den Friedenspreis des deutschen Buchhandels und so ziemlich alle wichtigen Literaturpreise seines Heimatlandes, der Türkei. Sein Roman "Schnee" sorgte auch deshalb für Aufsehen, da er ihm in der Türkei eine Klage einbrachte - er sei "gegen das Türkentum", denn in dem Roman wird auch das Massaker an den Armeniern angesprochen, ein Thema welches in der Türkei nach wie vor kontrovers, ja Tabu ist (ähnlich wie das Massaker an Algeriern in Setif nach wie vor ein Tabuthema in Frankreich ist, oder die Erwähnung des Nanking-Massakers in Japan so sehr vermieden wird, dass die meisten Japaner keine Ahnung haben, wovon Ausländer sprechen, welche sich über dieses Thema unterhalten wollen).
Doch zurück zu Pamuk und seinem Roman "Schnee".
Worum geht es?
"Schnee", auf Türkisch "Kar", erzählt die Geschichte des fiktiven türkischen Dichters Ka, welcher sich im Winter auf in die ostanatolische Grenzstadt Kars macht.
Wie in vielen Romanen Pamuks ist die Namensgebung hier natürlich nicht zufällig, sondern der Roman ist voll von Symbolen sprachlicher aber auch farbiger, religiöser und politischer Art.
Ka lebt eigentlich in Frankfurt im Exil. Er ist Sohn wohlhabender Istanbuler Kreise, ein "Bourgeois", der schon immer Schwierigkeiten hatte, seine türkischen Landsleute zu verstehen bzw. ihre politischen und religiösen Motivationen nachzuvollziehen. Er lebt das Leben eines Einzelgängers und floh vor Furcht von Folter und Unterdrückung nach Deutschland.
Anlässlich des Todes seiner Mutter kehrte er zurück nach Istanbul, und als ihn eine grosse Tageszeitung bat, einen Artikel über eine seltsame Reihe von Mädchen-Selbstmorden in der weit im Osten liegenden Stadt Kars zu schreiben, hat er zugesagt.
Jedoch hat Ka eine eigene Agenda für diese Reise: er weiss dass seine hübsche Kommilitonin Ipek, zu der er sich schon immer hingezogen fühlte, inzwischen in Kars lebt und sich eben von ihrem Mann getrennt hat. Im Grunde ist er an Politik und Religion nur wenig interessiert und folgt also, ganz Dichter, dem Ruf seines Herzens (und seiner Hormone, was für Dichter jedoch ein und dasselbe ist).
In Kars angelangt, wird Ka von heftigem Schneefall ("Kar"...) überrascht. Der Schnee fällt so heftig, dass die Stadt binnen Kurzem von der Außenwelt abgeschlossen ist - Ka sitz wegen Kar in Kars fest sozusagen.
Die meiste Zeit ist Ka Beobachter, und um ihn herum entfaltet sich im Mikrokosmos Kars eine religiös-politische Seifenoper in Form einer Mini-Revolution. Ka ist kein "Akteur", sondern ein "Visiteur". Er steht in diesem türkischen Mikrokosmos für den Westler, den Aufgeklärten, den Atheisten und den Suchenden (denn im Grunde seines Herzens ist er mitnichten Atheist...).
Pamuk ist offensichtlich ein großer Verehrer Kafkas, und ähnlich wie dessen Held Josef K. in "Der Prozess" ist Ka zunächst scheinbar unschuldiges Opfer, welches in Dinge hineingezogen wird, zu denen er eigentlich keinen Bezug hat. Im Laufe des Romans jedoch lernt der Leser, dass die Bezüge Kas zu den Ereignissen in Kars auf tieferen Ebenen wohl da sind.
Die Stadt Kars wird von Pamuk als kleine, überschaubare Version der Türkei inszeniert. Alle in der Türkei aktuell wichtigen Strömungen (normale Leute, Künstler, Journalisten, Polizei und Spitzel, Militärs, Kopftuchfrauen und natürlich die Islamisten) begegnen einem hier in Form von Individuen. Dieser Ansatz erlaubt es Pamuk, gesellschaftliche Strömungen zu durchbrechen und uns in Form von Einzelschicksalen nahe zu bringen.
Es gibt eben nicht "DEN Islamisten", hinter jeder weltanschaulichen Überzeugung steht ein Individuum, ein Mensch welcher an der Welt leidet und sich auf der Suche nach Antworten oft in Irrwegen verfängt.
Mir scheint ausserdem, dass Kars Liebe, Ipek, symbolisch für die Türkei steht. Er liebt sie heiß und innig, verbringt aber den Großteil seines Lebens fern von ihr. Hinzu kommt, dass sie sich ihm zwar hingibt, sich aber letztlich weigert, ihn nach Deutschland zu begleiten. Im Grunde ist er zwar zu ihr hingezogen und von ihr abhängig (Ipek ist auch ein Symbol seiner Mutter), aber er versteht sie nicht wirklich, sie bleibt ihm gleichzeitig ein ewiges Rätsel.
So gesehen ist Ipek zugleich die personifizierte Mutter, Muttergottheit, das ewig Weibliche und auch die Nation, und Kas ewiges Schwanken zwischen Liebe, Abhängigkeit und Resignation bezüglich ihr ist damit auch gleichzeitig Ursache seiner Leiden und Motor seiner Kreativität.
Wie ist es?
"Schnee" ist kein einfacher Roman für zwischendurch. Wer überhaupt kein Interesse hat an aktuellen Strömungen in der Türkei (oder in anderen islamisch geprägten Ländern), der wird diesen Roman schnell wieder aus der Hand legen.
Natürlich enthält der Roman auch viele andere Ebenen, und gerade auf der symbolischen Ebene gibt es eine Reihe von Leitmotiven, welche ihn auch unabhängig vom konkreten Beispiel "Türkei" interessant machen.
Mir persönlich hat "Schnee" sehr gut gefallen, geht es mir doch wie den meisten Deutschen so, dass ich zwar türkische Freunde und Bekannte habe, im Grunde aber von dem Land, dessen Volk den größten Teil an Einwanderern in Deutschland darstellt, beschämend wenig weiss.
Das Buch ist im Übrigen stellenweise mit erfrischendem, teilweise auch etwas zynischem Humor gespickt.
Der Schnee dient in dem Roman als Symbol in mehrfacher Hinsicht.
Als "Kollektiv"-Schnee ist der Schnee ein Symbol für Gott, für das Universale, das Allumfassende. Der Schnee ist konkret das Schicksal für Ka und für Kars, zumindest während der 3 Tage, in denen die Stadt komplett von der Außenwelt abgeschlossen ist.
An einer Schlüsselstelle des Romans jedoch zeigt sich, dass der Schnee als einzelne Schneeflocke auch für den Menschen, für seine Individualität, seine Träume, seine Geschichte und letzlich sein Sterben (und aufgehen im Kollektiv) steht.
Andere wichtige Symbole des Romans sind "Der Ort, an dem Allah nicht ist", das grüne Buch, in welches Ka seine spontan ihm eingegebenen Gedichte schreibt und die diversen Farben, welche immer wiederkehren.
Fazit
"Schnee" ist ein lohnender, aber anstrengender Roman. Für mich hat er zur Reflexion angeregt, war und bin ich doch mit meinem Urteil über Islamisten immer sehr harsch. Konfrontiert mit Islamismus neige ich zu allgemeinen, verurteilenden Aussagen und vergesse, dass hinter jedem Fanatiker ein Mensch steckt, den eine Mutter geboren und eine Gesellschaft geprägt hat.
Als Deutscher und Europäer war der Roman für mich hochinteressant da er mir eine relativ aktuelle Aufnahme über die geistige Lage in der Türkei gegeben hat. Sollten Pamuks Schilderungen der Spitzel und der folternden Staatsbeamten, des immer noch brisanten Kurden-Problems und der nicht aufgearbeiteten Geschichte (Armenier!) auch nur zu 30% zutreffend sein, dann ist die Türkei in der Tat noch sehr weit davon entfernt, ein wahrhaft europäisches Land zu sein - ganz unabhängig vom Lebensgefühl gewisser Istanbuler Kreise.
"Schnee" ist somit ein fordernder Roman, der aber aufgrund seiner Sprache dennoch geeignet ist für verschneite Tage, viele Tassen Tee auf dem Sofa und Reflexionen über Gott, das Leben und den ganzen Rest.
16 Dezember 2009
Alice Sebold: "In meinem Himmel" ("The lovely Bones")

In meinem Himmel: Roman
Dieser amerikanische Roman dürfte derzeit vermehrt Aufmerksamkeit geniessen, denn die Verfilmung von Peter Jackson ist inzwischen schon in vielen Kinos gestartet (hier in Irland läuft der Film "The lovely Bones" bereits).
Ich habe dieses Buch diesen Herbst gelesen, als die Tage immer kürzer wurden und die Landschaft immer trister. Es war das ideale Buch für die tägliche Bahnfahrt von und zur Arbeit, aber auch abends und am Wochenende konnte ich das Buch stellenweise nicht aus der Hand legen.
Worum geht es?Die Geschichte ist schnell zusammengefasst. Das Mädchen Susie Salmon ist ein normaler Teenager in einer normalen amerikanischen Kleinstadt der 1970er-Jahre. Sie ist eben in der Phase ihres Lebens angelangt, in welcher die erste kleine Romanze mit einem Schulkameraden sich beginnt zu entfalten, als sie eines kalten Dezemberabends von einem Nachbar in einem nahe gelegenen Maisfeld vergewaltigt und getötet wird.
Von "ihrem Himmel" aus verfolgt sie von nun an das Leben ihrer Familie und Freunde über die kommenden Monate, ja Jahre. Dabei dreht sich zunächst fast alles, was sie mitbekommt, um sie - die Menschen, die mit ihrem Verlust zurecht kommen müssen und deren verschiedene Arten, mit ihrem Verlust fertig zu werden.
Wie ist es?
Alice Sebold erzählt in "In meinem Himmel" sehr einfühlsam und teilweise äußerst spannend und schockierend die Geschichten von Susie's Familienangehörigen und Freunden. Auch die Geschichte und Persönlichkeit ihres Mörders wird dargestellt, und bei dem Blick in die seelische Leere und auf den "Dark Passenger", welcher in diesem Menschen zu wohnen scheint, konnte ich mich des schauderns nicht erwehren.
Es sind aber vor allem die Wege und Irrwege Ihrer Eltern, jüngeren Schwester und des kleinen Bruders, sowie der engsten Schulfreunde, welches dieses Buch so interessant machen. Die subtilen Verbindungen zwischen den Menschen in der Kleinstadt, und das leere Zentrum, welches als das Bindeglied dieses "Netzwerkes" die ermordete Susie ist, machen aus diesem kleinen, aber feinen Roman eine sehr lesenswerte Geschichte über die Unzulänglichkeiten unseres Lebens, die Sinnlosigkeit unserer Bestrebungen und Eitelkeiten im Angesicht des Todes, aber auch über die Schönheit wahrer Menschlichkeit.
Fazit:Lesen! Dieses Buch passt in die kalte Jahreszeit, es ist keine Strand- oder Urlaubslektüre, und kein Buch, dass man so schnell vergessen wird. Ich bin froh, dass ich es las, bevor der Film auf den Markt kam, denn im Laufe des Lesens habe ich eine sehr persönliche Beziehung zu Personen wie Susie's Vater aufgebaut, und die ersten Screenshots vom Film haben mich sehr enttäuscht, ich finde, einige Schauspieler (v.a. Susies Vater) sind so weit von der Buchvorlage entfernt, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass ich den Film so sehr geniessen werde wie ich das Buch genoss.
05 Dezember 2009
Mark Helprin: "Wintermärchen" ("Winter's Tale")
Mark Helprin: "Wintermärchen"
"Wintermärchen" ist eines jener Bücher, die einen auf eine Reise schicken und auch dann nicht mehr loslassen, wenn man den Buchdeckel nach der letzten Seite schon längst wieder zugeklappt hat.
"Wintermärchen" ist eines jener Bücher, die einen auf eine Reise schicken und auch dann nicht mehr loslassen, wenn man den Buchdeckel nach der letzten Seite schon längst wieder zugeklappt hat.
Ich habe das Buch als Teenager in der Stadtbibliothek Böblingen entdeckt, als ich auf der Suche nach "etwas anderem" war (damals bestand meine Lektüre in der Hauptsache aus Wolfgang Hohlbein und Stephen King). Und es war wohl das Versprechen des Titels, dass mich mit diesem Buch etwas "fantasymässiges" erwarten würde, sowie die Jahreszeit - es war Winteranfang damals.
Wintermärchen spielt in New York, aber gleichzeitig auch in einer fabelhaften, wunderbaren und tragischen Welt - einem New York, in dem Wunder geschehen und sich die Gesetze von Zeit und Raum nicht so starr und phantasielos verhalten wie in der Welt unserer alltäglichen Erfahrungen.
Das Buch deckt grob 100 Jahre in New York ab, und die Stadt dient dem Autor als Kulisse, vor der er uns eine ganze Reihe von zunächst nicht miteinander in Beziehung stehender Charaktere vorstellt, Ihnen Zeit gibt, sich zu entfalten und tiefe Eindrücke in uns zu hinterlassen.
Dies ist eine der großen Stärken Mark Helprins: er vermag es, seinen Lesern die unterschiedlichsten Menschen und deren Schicksale, Überzeugungen und Lebenswege näher zu bringen.
Im Laufe des Romans verweben sich die Schicksale der Protagonisten mehr und mehr, es entsteht ein Netz aus Beziehungen und Begegnungen, wie man sie aus den später entstandenen Robert Altman - Filmen kennt.
Technik und Architektur vermischen sich hier mit Magie und Mystik, Journalismus, Business und Karriere mit Liebe und tiefer Romantik. Verbrechen mit Ehrhaftigkeit und über allem glitzern die Sterne in der eisig klirrenden Kälte eines jahrhundertelangen Winters.
Ein magisches Buch, ein Buch wie geschaffen für lange Winternächte am Kamin. Ein Buch, in welchem New York mit Sicherheit verklärt wird, dass aber auch eine Seite in mir anrührte, welche mich die ganze Welt in einem anderen, einem magischeren Licht sehen liess.
29 November 2009
Michael Moorcock: "Elric von Melniboné" ("Elric of Melniboné")

Elric of Melnibone (The Tale of the Eternal Champion)
Als großer Fantasy-Fan hätte ich die "Elric"-Saga eigentlich bereits als 14jähriger lesen sollen (also vor über 15 Jahren). Ich hatte zwar einige Moorcock-Titel gelesen, dessen Hauptwerk "Elric" jedoch immer auf später verschoben.
Nun war es also so weit: ich habe mir einen englischsprachigen Sammelband mit dem Titel "Elric of Melniboné" gekauft, in welchem die erste Hälfte der Elric-Romane in chronologischer Reihenfolge abgedruckt sind.
Im Gegensatz zu "traditioneller" Fantasy à la Tolkien, hat man es bei "Elric" mit einem "Anti-Helden" zu tun. Ambivalent, ja pervertiert, auf jeden Fall leidend stellt sich der Herrscher von Melniboné dar. Depressiv, romantisch, aggressiv und immer hoch tragisch - Elric erfüllt all diese Klischees, aber das hat ja auch einen Grund: denn er war der Erste, Moorcock hat der Fantasy-Literatur diesen Stereotyp quasi "geschenkt". Alle die nachher kamen sind im Grunde nur noch pathetisch.
Pathos ist bei Elric allerdings auch angesagt. Zu Beginn der Reihe ist er noch fest auf dem Thron von Melniboné sitzender Herrscher. Zwar sägen schon Neider an dem Throne, und die kommende Tragödie zeichnet sich bereits ab. Denn Elric ist ein denkbar unambitionierter Monarch. Die Macht, welche er erbte, interessiert ihn nicht so sehr wie z.B. die Philosophie, die Schwermut aber auch die Liebe zu seiner Cousine.
Aber er ist eben auch der erste seines Volkes (eine albinohafte, weißhäutige Rasse, welche kriegerisch und magiebegabt ist und auf allen anderen Kontinenten der Welt gefürchtet und gehasst wird), der sich mit moralischen Zweifeln plagen muss. Er hinterfragt die versteinerten Traditionen seines überalterten Volkes und verachtet ihren Hochmut. Er sucht Befreiung und Liebe, bringt aber Unheil und Tod all denen, die seine Wege kreuzen.
Zum Glück hat Moorcock die Gabe, die Story auch regelmässig zu erhellen, nicht zuletzt durch die Einführung etwas leichtmütigerer Weggefährten.
Der einzige Wermutstropfen, den ich nach der ersten Hälfte der Elric-Romane verspürte, war dass ich die Romane dann teilweise doch etwas zu seicht, zu oberflächlich und zu schnell im Tempo fand. Mit 16 hätte ich mit Elric sicherlich aufregende Wochen und jede Menge Ideen für selbst verfasste Rollenspiel-Abenteuer gehabt. Mit über 30 jedoch ist die Elric-Sage eher ein Ausflug in meine Jugend, befriedigt meine Neugier und erfüllt ansonsten den Zweck, mein Verlangen nach "Nostalgie" zu stillen.
Nichts desto Trotz ist die Elric-Saga nach wie vor ein "must" für alle Fantasy-Fans. Als Fantasy-Fan Elric nicht zu kennen ist wie... nun wie ein Pop-Fan der noch nie etwas von den Beatles gehört hat. Man muss die Beatles nicht mögen, und kann trotzdem einen ausgezeichneten Musikgeschmack haben, aber sie sind Teil des "kollektiven Musik-Bewusstseins" - und genau so ist Elric (neben dem "Herrn der Ringe", der Narnia-Reihe und den "Nebeln von Avalon") einer der Grundsteine moderner Fantasy-Literatur.
Nichts desto Trotz ist die Elric-Saga nach wie vor ein "must" für alle Fantasy-Fans. Als Fantasy-Fan Elric nicht zu kennen ist wie... nun wie ein Pop-Fan der noch nie etwas von den Beatles gehört hat. Man muss die Beatles nicht mögen, und kann trotzdem einen ausgezeichneten Musikgeschmack haben, aber sie sind Teil des "kollektiven Musik-Bewusstseins" - und genau so ist Elric (neben dem "Herrn der Ringe", der Narnia-Reihe und den "Nebeln von Avalon") einer der Grundsteine moderner Fantasy-Literatur.
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