Mein Biblioversum - das Universum meiner persönlichen Bibliothek. Seit ich lesen kann, sind mir meine Bücher stets meine wichtigsten Begleiter gewesen. Dieses Blog stellt den Versuch dar, gelesenes nun dem geneigten Besucher vorzustellen und Anregung für eigene Lektüre zu geben. Nicht mehr, nicht weniger.
26 November 2024
Rutger Bregman: "Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit" (englischer Titel: "Humankind. A Hopeful History.")
16 Januar 2011
Dietrich Schwanitz: “Bildung - Alles, was man wissen muß”
Einleitend
Allein das Wort “Bildung” ist ein unglaublich deutscher Begriff, der so sehr nach dem 1000jährigen Staub unter den Talaren müffelt, dass ich lange Zeit einen großen Bogen um dieses Buch gemacht habe. Alleine der Klang evoziert Bilder (!) von Bildungsbürgern, ja Bildungsfaschisten, nach elitären Kreisen, in denen über das Schicksal des armen Brahms gefachsimpelt wird, der so sehr nach Beethoven klingt dass auch ihm selbst bewusst war, in wessen Schatten er stand, oder über Streitgespräche zwischen Strukturalisten und Dekonstruktivisten.
“Bildung”, das war und ist schließlich und endlich ein Begriff, bei dem sich mir ein geifernder Marcel Reich-Ranicki, die Literatur-Kanon-Keule schwingend vor das geistige Auge schiebt und ich mir denke: ihr versnobten Links- und Rechtsfaschisten, ich bin stolz darauf, dass ich mit Wolfgang Hohlbein, J.R.R. Tolkien und Douglas Adams aufwuchs und mich nicht durch den humanistischen Bildungsbürgertums-Katalog lesen musste, damit mein direktes Umfeld mich als Mensch (und nicht als Neandertaler) akzeptierte.
Als das Buch dann zum Bestseller wurde, führte in den Buchhandlungen kein Weg mehr daran vorbei (ich ignorierte es dennoch weiterhin standhaft), auch Empfehlungen von Freunden, es sei eigentlich gar nicht schlecht, schlug ich in den Wind. Ich erinnere mich an ein Radio-Interview mit Dietrich Schwanitz im SWR Rundfunk (“Leute” hieß die Sendung glaub ich), in deren Verlauf der Autor sich darüber beklagte, wie ungebildet inzwischen weite Teile der jugendlichen Bevölkerung seien; dass er junge Menschen kennen gelernt habe, welche sich beim Auswärtigen Amt bewerben wollten, aber noch nicht einmal wüssten, dass man sich in zivilisierten Kreisen vor einem Schluck Wein jedes Mal den Mund mit der Serviette sauber zu wischen habe, damit man keine Spuren am Weinglas hinterlässt.
Diese Fetzen des Radiointerviews genügten, damit ich beim Klang des Namens “Schwanitz” endgültig das Bild eines hoffnungslos Ewiggestrigen, eines Vertreters der - Gott sei Dank! - zum Untergang verdammten Spezies der Spießer im Kopf hatte.
Eigentlich wäre die Sache damit für mich erledigt gewesen. Eigentlich. Aber dann habe ich im Rahmen meiner Magisterarbeit beim Verfassen des Kapitels über die Informationsgesellschaft einen Artikel über den britischen Wissenschaftler und Literaten C.P. Snow und seine These von den “Zwei Kulturen” gelesen. Und im weiteren Verlauf fiel mir das Buch “Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte” von Ernst Peter Fischer in die Hände, welches ich eben erst hier rezensiert habe.
In jener Rezension habe ich Schwanitz und sein Buch (das ich bis dato nur oberflächlich angelesen und durchgeblättert hatte) sehr kritisch angegangen, bin also voll auf Fischers Argumentation und Vorwürfe (Schwanitz lässt die Naturwissenschaften aussen vor und behauptet, Kenntnisse in diesem Bereich seien zwar nicht negativ, “zur Bildung aber gehören Sie nicht”) eingegangen.
Nach Veröffentlichung der Rezension packte mich das schlechte Gewissen. Urteilen ist eine Sache, aber über etwas und jemanden zu urteilen, ohne mich ernsthaft mit ihm und seinen Gedanken auseinandergesetzt zu haben eine ganz andere. Also habe ich mir sein Buch bestellt, konzentriert und aufmerksam durchgearbeitet - und schulde dem Autor nun nicht nur eine Entschuldigung, sondern möchte anhand einer ehrlichen aber hoffentlich auch kritischen Besprechung versuchen, hier einiges wieder zurecht zu rücken.
Inhalt
Eigentlich sagt das Zitat aus der ZEIT, welches sich auf dem Buchumschlag befindet, schon alles aus:
Und provoziert hat Schwanitz mit seinem Buch, und vor allem mit dessen ungebrochenem Erfolg. Doch was steckt jetzt dahinter, bzw. zwischen den Buchdeckeln?
Zunächst einmal eine Abrechnung (nicht anders verstehe ich das “Vorwort”) mit der deutschen Gesellschaft, vor allem aber den Bildungseinrichtungen Schule und Universität sowie der “Bildungspolitik” der letzten Jahrzehnte. Schwanitz outet sich hier als ein Verfechter des Bildungskanons, genauer gesagt eines “klassischen” oder “humanistischen” Bildungsideals (obwohl er dieses Wort selbst nicht in den Mund nimmt). Er stellt das, was die ‘68er-Generation bekämpfte und schließlich besiegte (aus Schwanitz’ Sicht wohl eher: “ermordete”), nicht als “humanistisches” Bildungsgut dar, sondern als wichtigsten Bildungsschatz der Deutschen, welchen diese wenn nicht komplett verloren, so doch an einen schwer zugänglichen Ort hin verlegt haben. Bereits im Vorwort grenzt sich Schwanitz also deutlich von linken, oder gar kommunistischen (Frankfurter Schule!) Intellektuellen ab. Übrigens ist das Bild, welches ich mir beim Lesen des Buches vom Autor machen konnte nicht ganz so einfach. Zwar würde ich ihn eher als konservativen FAZ-Leser klassifizieren. Jedoch dürfte er kein blinder “CDU-Fahnenträger” sein. An Unterschriftenaktionen gegen die doppelte Staatsbürgerschaft hätte sich ein Schwanitz sicherlich nie beteiligt, das plump-bürgerliche Lager, welches den Großteil der CDU-Wählerschaft ausmacht ist ihm also sicherlich genauso fern wie die ideologisch der Realität entrückten und fanatischen Höhen der typischen, sogenannten “Linken”.
Doch zurück zum Buch. Nach einer harschen, aber in weiten Teilen realistischen Bestandsaufnahme des Zustands des deutschen Bildungswesens stellt er dem geneigten Leser sein Gegen- bzw. Heilmittel vor: Bildung. Und ja, die Kenntnis von Jahreszahlen und Klassikern ist hier zentraler Kern seines Anliegens. Das “sture Auswendiglernen” von Jahreszahlen und geschichtlichen Ereignissen ist ja seit den ‘68ern “mega-out”. Schwanitz sieht hier aber fast schon den Untergang des Abendlandes gekommen. Das Grundübel sieht Schwanitz dann eben auch in der intelektuellen Starre, in welche Deutschland nach dem 2. Weltkrieg verfallen ist. Und die ‘68er meinten es zwar gut, ‘gut gemeint’ ist dann aber leider allzuoft das Gegenteil von ‘gut’. Schwanitz Hauptklage ist also auch und vor allem, dass den Deutschen ihre Erzählung (=Geschichte) abhanden gekommen ist. Die Katastrophe der Nazi-Zeit schiebe sich wie ein beinahe undurchdringlicher Schleier vor den Rückblick auf die eigene Geschichte. Eine objektive, in den größeren Rahmen der europäischen Geschichte eingebettete Beurteilung der eigenen Geschichte (und damit auch: der eigenen Herkunft, Besonderheiten, Kultur) wird hier also verhindert. Doch lassen wir Schwanitz kurz selbst zu Wort kommen:
Neben Geschichtskenntnissen will Schwanitz aber noch mehr vermitteln. Ist die Geschichte die Mutter aller Wissenschaft und Kultur, so sind ihre erstgeborenen Kinder die Literatur, die Musik und die Künste. Auch auf diese geht Schwanitz in einzelnen Kapiteln ein, und er verfährt hier - sehr “altmodisch” - strikt historisch, was aber den Vorteil hat, dass man nach dem Lesen des Buches mehrmals durch die Geschichte Europas geführt wurde, einmal rein historisch, dann literarisch, und schließlich musisch und musikalisch. Alles zusammen ergibt dann einen Gesamtüberblick über die wichtigsten Ereignisse und Kulturgüter.
Hier liegt allerdings auch das Problem des Buches: so hehr das Anliegen Schwanitz’ auch sein mag, gerade beim Literaturkanon fand ich ihn dann doch zu konservativ. Zwar erspart er seinen Lesern (im Gegensatz zum geifernden “Literaturpapst” Ranicki) den unsäglichen Stefan George, jedoch dreht sich dann doch die gesamte deutsche Literatur um Schiller und vor allem Goethe. Größen wie Herder oder Wieland werden nur gestreift, Dichter wie Heine oder Literaten wie Hesse sind es nicht einmal wert, auch nur bei Namen genannt zu werden (Nietzsche wiederum schon). Die Auswahl seines Kanons ist also nicht nur subjektiv (welcher Kanon ist das nicht?), sondern zeigt auch sehr deutlich “wes Geistes Kind” Schwanitz ist.
Das Problem hierbei stellt sich aus meiner Sicht vor allem deshalb dar, weil Schwanitz das Buch ja anscheinend für den durchschnittlichen “deutschen Michel”, vor allem eben auch für all die ungebildeten Klötze (BWLer, Maschinenbauer und Friseusen) geschrieben hat, die sich zwar prächtig bei Bier und Wurst beim Fußball amüsieren können, im Grunde aber nur halbzivilisierte Affen sind.
Ich persönlich widerspreche Schwanitz da nicht einmal, schreibe ich aber einen Literaturkanon “fürs Volk”, dann sollte dieser doch noch etwas ausführlicher ausfallen. Zumindst in seine “Liste zum Weiterlesen” hätte er noch einige Schriftsteller und Dichter mehr mit aufnehmen sollen.
Gliederung
Nach einem Gewaltmarsch durch die europäische Geschichte von den Griechen bis ins 20. Jahrhundert (265 Seiten) wird der Leser durch die europäische Literatur geführt (90 Seiten). Es folgt eine Darstellung der “Geschichte der Kunst” (33 Seiten) und der “Geschichte der Musik” (28 Seiten). Auf den nachfolgenden 66 Seiten lernt man die Grundzüge der Philosophien, Ideologien und Theorien kennen, um sich dann 16 Seiten lang mit der Geschlechterdebatte auseinanderzusetzen. Dies schließt den ersten Teil des Buches - “Wissen” - ab.
Der zweite Teil - “Können” - wird allen Ernstes von einem Kapitel mit dem Titel “Einleitung über die Regeln, nach denen man unter Gebildeten kommuniziert; ein Kapitel das man auf keinen Fall überspringen sollte.” eingeleitet. Hier lernt man also, wie die richtigen Menschen Gebildeten miteinander kommunizieren und wie man sich in solch elitärem Kreise als Neandertaler, Fußballprolet oder “Bildungsaufsteiger” outet... nunja.
Das Kapitel enthält jedoch auch Passagen, die Spass machen und die ich so unterschreiben würde. So ist sich Schwanitz im Klaren darüber, dass TV, Internet und Co. inzwischen die Lektüre abgelöst haben und wohl auch in Zukunft “Kids” in der Regel zunächst Fernsehen werden, bevor sie mit der Welt der Bücher in Kontakt kommen. Und hier trifft er mit seinem Bedauern bei mir genau ins Schwarze. Ich selbst denke auch, dass dies ein unglaublicher Verlust ist, nicht nur für die Gesellschaft, sondern vor allem für die betroffenen Menschen. Klar, wer nicht weiß, was ihm entgeht, ist diesbezüglich gleichgültig. Aber lassen wir Schwanitz hier wieder zu Wort kommen:
Nach einem Ausflug in “Das Haus der Sprache”, in welchem man grundsätzliches zu Fremdwörtern, Grammatik und Kommunikation erfährt, geht es weiter mit der “Welt des Buches und der Schrift”. Für jeden, dem Bücher und Bibliotheken nicht gänzlich fremd sind, ist dieses Kapitel wohl eher ein Ausflug ins Land des Schmunzelns. Und dann kommt ein erschreckender Gedanke: es dürfte in Deutschland eine ganze Menge Menschen geben, denen dieses Kapitel neue Informationen liefern würde. Man will diesen Gedanken gar nicht zu Ende denken...
Das mithin amüsanteste Kapitel des Buches (“Länderkunde für die Frau und den Mann von Welt”) erklärt dem deutschen Durchschnittsmichel, wie Onkel Dietrich die Amis, die Briten, Franzosen, Spanier, Italiener, Österreicher, Schweizer und Holländer sieht, und natürlich welche Fehler man im Umgang mit ihnen lieber vermeiden sollte. Teilweise platt und voller Clichés (Stichwort: Machismo), teilweise dann doch (leider) allzuoft zutreffend (Stichwort: Zerknirschungsorgien).
Nach einem Kapitel über Intelligenz, Begabung und Kreativität folgt noch ein äußerst lustiger Teil: “Was man nicht wissen sollte”. Sprich: mit welcher Art von Wissen oute ich mich als Underdog, als Spross des “Prekariats”? Natürlich, enzyklopädisches Wissen aus der Welt des Sports (lies: Fussballs) gehört ebenso dazu wie Königshäuser-Klatsch oder eine allzu intime Kenntnis des Privatsender-Nachmittagsprogramms.
Ein Exkurs über “Das reflexive Wissen” bildet den Schluss des Buches, es folgen noch Zeittafeln, eine Liste von “Büchern, die die Welt veränderten” sowie 50 “Büchern zum Weiterlesen”, um in den behandelten Gebieten weiterzukommen.
Fazit
Schwanitz Buch ist nicht umsonst Gegenstand zahlreicher Kritiken und Verrisse geworden. Es ist ein zutiefst subjektiv geschriebenes Lehrbuch, und der “erhobene Zeigefinger” des Pädagogen (fast hätte ich gesagt: Volkserziehers) ist auf jeder Seite spürbar.
Trotzdem macht es großen Spass, das Buch zu lesen, und auch wenn man gegen Schwanitz’ Attitüde ist - man kann sich nicht dagegen wehren, eine Menge zu lernen. Ist das Buch “gefährlich”? Vielleicht - vor allem wenn sich Massen von “Ungebildeten” nach dem Band ausrichten und alle Aussagen ungeprüft übernehmen.
Aber lieber habe ich eine Horde blinder Goethe-Verehrer vor mir, als einen Mob, dessen Horizont über “Big Brother”, “Maybrit Illner” und die Fussball-Bundesliga nicht hinaus geht.
Am meisten profitiert vom Buch, wer eben nicht bei “null” anfängt, wer Goethe und seine Verehrer in kritischem Gegenlicht zu sehen versteht und sich einiger Dichter und Denker bewusst ist, die Schwanitz einfach ignoriert.
Ach ja, und wer Ernst Peter Fischers Buch “Die andere Bildung” auch liest.
Abschließen möchte ich diesen Versuch einer Besprechung mit einem Schwanitz-Zitat:
29 November 2009
Matthias Matussek: "Wir Deutschen"

Wir Deutschen: Warum die anderen uns gern haben können
Zunächst einmal war ich doch etwas skeptisch bei diesem Buch. Warum sollte ich es überhaupt lesen? Ich mag Patriotismen nicht und verachte Menschen, welche es nötig haben „ihr Land zu lieben“, um dadurch irgendwelche psychischen Mankos auszugleichen oder sich wichtig zu fühlen. „Vaterlandsliebe“ war für mich immer Zeichen eines tief sitzenden Minderwertigkeitsgefühl – schon mit 14 Jahren zitierte ich hier gerne altklug Schopenhauer, der „Nationalstolz als einen Ersatzstolz für den persönlichen Stolz eines Menschen“ bezeichnete.
Warum sollte ich dieses Buch also lesen? Nun, zunächst einmal weil es mir von einem guten Freund zu Weihnachten geschenkt worden war, noch dazu einem Freund, dessen literarisches Urteil ich zumeist teile und dessen Urteilen ich oft blind vertrauen konnte. Hatte er es mir mit einem Augenzwinkern geschenkt, oder hatte
er sich seit der Fussball-WM nun auch zu einem Patrioten gewandetl?
Wie dem auch sei, da lag dieses Buch und so beschloss ich, es zwischen „Elric“ und „Ulysses“ quasi als „leichte Lektüre“ einzuschieben.
Um was geht es nun in diesem Buch?
Matussek hat das Buch für die WM 2006 geschrieben – nun, nicht FÜR die WM, aber wohl doch auch anlässlich dieses Events. „Patriotismus“ war und ist für Deutsche ein schwieriges Thema. Während sich die uns umzingelnden Freunde teilweise doch sehr in ihrem Patriotismus baden, oft gar in blankem Nationalismus, werden auch heute noch Leute, die sich in Deutschland offen als „Patrioten“ bezeichnen, als alt- oder neu-Nazis gehandelt, oder es sind einfach verwirrte und historisch „dumme“ Gestalten.
In diesem Buch nun versucht Matussek, den Blick auf die deutsche Geschichte zu erweitern, und er arbeitet klar gegen die Auffassung, Deutschland als junge Nation zu verstehen, welche aus dem grössten Verbrechen der Menscheitsgeschichte entstanden ist. Vielmehr ist es Matussek an der deutschen Kulturnation gelegen, welche ja
bereits lange vor der nationalen Einigung Bestand hatte.
Während die Briten ganz klar unter einer psychotischen Besessenheit mit einem fiesen „Nazi-Fetischismus-Virus“ leiden (und selbst sehr starke Patrioten sind, die sich zwar gerne an die Arthus-Legende erinnern aber über die britischen Blutbäder der Geschichte gerne auch mal hinwegsehen), fällt es den Deutschen nach wie vor
schwer, über jene dunklen Zeiten zwischen 1932 und 1945 hinaus zu sehen.
Wir werden nicht nur von Aussen mit Hitler und seiner „Familie“ an blutrünstigen Generälen assoziiert, wir assoziieren uns auch selbst noch viel zu oft mit dem Diktatoren-Gesindel und den irren Massen, welche ihnen folgten.
Matussek will diesen Teil der Geschichte nicht leugnen oder auslöschen, aber den Blick seiner Leserschaft einmal auf andere -ältere- Teile der deutschen Geschichte lenken. Und er wehrt sich vehement und glaubhaft gegen das unter vielen Historikern nach wie vor verbreitete Urteil über „die Deutschen“, dass die deutsche Geschichte zwangsläufig auf Hitler und den Holocaust hinlaufen musste (am Besten schon seit Luther!).
Statt dessen spricht Matussek lieber über Heinrich Heine, und ich muss gestehen, sein Heine-Essay gehört zur leidenschaftlichsten und schönsten Liebeserklärung an den jüdisch-deutschen oder deutsch-jüdischen, Deutschen jüdischen Glaubens oder wie auch immer, die ich je lesen durfte. Wie sehr konnte ich mich mit Heine hier identifizieren: der nachts wehmütig in seinem Pariser Exil an Deutschland denkt, der (sprachlich eh!) ganz Deutschland im Herzen trägt und daran leidet, dann aber bei einer Reise durch die deutschen Lande auch bitter über den „deutschen Michel“ schimpft. Genau so ergeht es mir ja auch bei jedem meiner Heimatbesuche! Die aus der Ferne als „gelobtes Land“ vermisste Heimat wird bei Nähe betrachtet auch zu einem Tal der
Mißstände, und die Currywurst schmeckt auch nur in der Erinnerung so lecker…
Was das Buch für mich ausserdem zu einer vergnüglichen Lektüre machte, sind die in regelmässigen Abständen erfolgenden Attacken gegen die Engländer. Genußvoll wird dieses arrogante Volk vorgeführt, nicht ohne Schalk im Nacken natürlich! Schön, dass der Autor hier aus eigener Erfahrung spricht anstatt mit Klischees und Vorurteilen zu kommen.
Das das Buch ausserdem voller Interviews mit hochinteressanten Zeitgenossen (Harald Schmidt) und Zeitzeugen&Machern (Klaus von Dohnanyi) sowie deutschen „Klischee“-Promis (Heidi Klum) ist, macht es nur noch reizvoller.
Die an alle gestellten Fragen „Sagen Sie mal einen unverkrampften Satz über Deutschland!“, die heitere Art des Autors und sein hervorragender Schreibstil führen dazu, dass ich das Buch allen ans Herz legen möchte. Man findet hier ein schönes Bild, Momentaufnahmen und Reiseberichte aus einer ehemals gespaltenen Nation, 15 Jahre nach der Wiedervereinigung.
Auch wenn meine Lebensphilosophie sich stark an Jiddu Krishnamurti orientiert und ich daher strikt gegen eine Identifikation mit „Nation“, „Religion“ etc… bin, (und hierin auch nicht mit dem Autor übereinstimme), so muss ich doch zugeben, dass mir das Buch grosses Vergnügen bereitet hat, und das liegt v.a. daran:
bei allem Spott über die Engländer, bei allem Zynismus, ist Matussek vor allem eins: ein Humanist. Ihm liegt stets der Mensch am Herzen, und diese Menschlichkeit durchzieht wie ein feiner Geruch das gesamte Buch. Beim Lesen des Buches denke ich über seinen Autor: das ist ein Mensch, den ich gerne einmal kennen lernen würde – was kann einem ein Buch denn schon besseres bieten?