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28 November 2015

Hermann Hesse: Gesammelte Werke - Band 2 - Unterm Rad - Diesseits


Gesammelte Werke 2 - Unterm Rad - Diesseits
(werkausgabe edition suhrkamp, Gesammelte Werke in 12 Bänden, Auflage 1976)
I. Unterm Rad
"Es war etwas in ihm, etwas Wildes, Regelloses, Kulturloses, das musste erst zerbrochen werden, eine gefährliche Flamme, die musste erst gelöscht und ausgetreten werden. Der Mensch, wie ihn die Natur erschafft, ist etwas Unberechenbares, Undurchsichtiges, Gefährliches. Er ist ein von unbekanntem Berge herbrechender Strom und ist ein Urwald ohne Weg und Ordnung. Und wie ein Urwald gelichtet und gereinigt und gewaltsam eingeschränkt werden muss, so muss die Schule den natürlichen Menschen zerbrechen, besiegen und gewaltsam einschränken; ihre Aufgabe ist es, ihn nach obrigkeitlicherseits gebilligten Grundsätzen zu einem nützlichen Gliede der Gesellschaft zu machen und die Eigenschaften in ihm zu wecken, deren völlige Ausbildung alsdann die sorgfältige Zucht der Kaserne krönend beendigt."
 Unterm Rad - wer kennt diesen Roman nicht? Wer hatte ihn nicht als Schul(pflicht)lektüre verordnet bekommen? Wahrscheinlich einer der meistgelesenen Romane von Hermann Hesse. Und bei all meiner Liebe zum Autor - bis zu diesem Jahr hatte ich ihn nie gelesen. Angefangen ja (ich kam immer nur bis zur Aufnahmeprüfung in Stuttgart, dann wurde mir langweilig) aber niemals beendet.
Wie kommt es? Nun, zum Einen weil mich die Thematik zur "Hochzeit" meiner Hesse-Begeisterung nicht wirklich interessierte. Ich war angezogen von seinen späteren Werken, vom spirituellen "Siddhartha" (meinem ersten Hesse-Roman), vom seelenzerfleischenden "Steppenwolf", von der Selbstfindung im "Demian" und natürlich dem Widerstreit zwischen Wissen und Schönheit in "Narziss und Goldmund". Die "Morgenlandfahrt" war mir Parabel auf mein frühes Interesse an der Freimaurerei.
Den berühmtesten seiner frühen Romane (eben "Unterm Rad") sowie den krönenden Abschluss seines Lebenswerkes ("Das Glasperlenspiel") hatte ich jedoch nie gelesen (Letzteres auch heute noch nicht).
Doch zurück zum Gegenstand dieses kleinen Aufsatzes. Unterm Rad. Mir war seit meinem ersten Semester Japanologie auch oft gesagt worden, dass "alle" Japaner Hesse wegen dieses Romans kennen, und das wundert mich nicht, dürfte sich doch so ziemlich jeder Japanische Schüler in der Person des Protagonisten, des Kindes Hans Giebenrath, wiedererkennen. 
Ein "Wunderkind" aus dem schwäbischen Teil des Schwarzwaldes (Calw), schafft er es als einziger Sohn seiner Stadt in Jahren, auf das renommierte Kolleg zu kommen, in welchem die schwäbischen Priester seit Generationen ausgebildet werden. Ins Kloster Maulbronn muss er also, und dort findet er heraus, dass er zwar der hellste Kopf in Calw war, hier aber die hellsten Köpfe des Landes versammelt sind und er jetzt nicht mehr der "Big Fish" im kleinen Dorfteich ist.
Seine Freundschaft mit dem emotional instabilen Künstler Hermann Heiler (klarer Hermann-Hesse Alter-Ego) wird dem armen Giebenrath zum Verhängnis - die beiden ungleichen Buben verbindet rasch eine Freundschaft griechischen Ausmaßes, und die schulischen (und geistigen) Leistungen von Hans lassen schnell und spürbar nach. Der Erfolgsdruck macht ihn zudem krank, und so wird der anfangs als "Geheimtipp" gehandelte Musterschüler binnen eines Jahres zur Enttäuschung der Schule und seiner Heimatstadt - und nach Hause zu seinem Philistervater geschickt.

Zurück in Calw bleibt dem armen "drop out" nichts anderes übrig, als eine Handwerkerlehre anzufangen, was dem hoch geistigen Buben jedoch physisch schwer fällt.

Der Roman endet erwartet tragisch und unerwartet abrupt - ich kann nicht umhin, dass ich den Roman (oder die Novelle?) enttäuscht und mit einem bitteren Beigeschmack zur Seite legte.

Kerngedanken zu "Unterm Rad":

Eine Schlüsselszene der Geschichte ist eine Standpauke von Hans Giebenrath im Büro des "Ephorus" (Schulleiters) von Maulbronn. Durch den ständigen Druck, die daraus folgenden Kopfschmerzen und Erschöpfungszustände von Hans Giebenrath und auch durch die Freundschaft mit Hermann Heiler hat Hans - einst der "beste Hebräiker der Schule" im Hebräischen einen ständigen Leistungsabfall gezeigt. Zunächst väterlich-freundschaftlich erkundigt sich der Ephorus nach den Gründen, probt hier und da, empfiehlt, "nicht nachzulassen", sonst "käme man unters Rad" und wird dann - ganz Inspektor-Columbo-mässig - gegen Ende der Sitzung sehr unväterlich und fordernd, verbietet Hans quasi weiteren Umgang mit Hermann und setzt ihn so noch mehr unter Druck. In der Folge zerbricht der Junge auch Stück für Stück an der "Gesamtsituation".

Für mich faszinierend an dem Roman war, dass ich es hier wahrhaft mit einer "first hand study" der Zustände an einer schwäbischen Eliteschule gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu tun hatte. Der preußische Einfluss ist klar - Untertanenmentalität und Gehorsam, ja Fügsamkeit vor der Obrigkeit, sei sie religiös oder staatlich, sind hier die Tugenden, nach denen die "rohen, wildwüchsigen" Jünglinge hin erzogen werden müssen. Der Schritt zu den blinden, jubelnden jugendlichen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg Lieder schmetternd an die Front gefahren sind um für Kaiser und Heimat jämmerlich zu krepieren ist hier klar vorgezeichnet.
Für mich als im Schwäbischen aufgewachsenes Kind der 70er-Jahre war dies auch eine Lektion, wie die Schwaben so gar nicht so anders waren als die Preußen. 

Die "Leistungsgesellschaft" von heute war schon damals, zumindest in den Elite-Kreisen, ab- und vorgezeichnet. Max Weber hat die "protestantische Ethik" für den Aufstieg des Kapitalismus und den Erfolg der USA zitiert, und hier kann man aus erster Hand lernen, wie die Mentalität der Pietisten diese Ethik "in natura" lebte (Hesses Eltern waren strenge, pietistische Missionare, die es dem jungen Hermann nie verziehen hatten, dass er Dichter, und somit ein für den Herrn und die Kirche verlorener Sohn, wurde).

Nun bin ich keinesfalls antiautoritär erzogen worden, aber wenn man "Unterm Rad" als Studie über die Erziehung meiner Großelterngeneration liest, wird klar, warum meine Elterngeneration zu diesen neuen, radikalen Erziehungsmethoden neigte. Das Pendel schwingt wohl immer erst in Extremen, bevor es sich dann - wenn alles gut läuft - beruhigt.

II. Diesseits
Diese Sammlung an Erzählungen sagte mir im Unterschied zu "Unterm Rad" vor dem Lesen überhaupt nichts. Ich hätte nicht einmal sagen können, dass Hermann Hesse überhaupt solche Erzählungen verfasst hätte.

Nun, circa zwei Monate nach dem ersten Lesen der Geschichten bleiben bei mir nur Versatzstücke haften. Es sind fast allesamt Geschichten aus der Jugend von jeweils unbekannten Protagonisten, aber überall sieht man, dass es um biographische Elemente geht.
In der "Marmorsäge" geht es um eine unglückliche Liebe, die tragisch endet, und an der Hesse wieder einmal exemplarisch die gesellschaftlichen Zwänge der Klein- und Kleinstbürger auf dem Lande darstellt.
"Aus Kindertagen" berichtet genau von solchen, und der ersten Erfahrung des Protagonisten mit dem Tod, der einen etwas älteren Buben nach langer Krankheit ereilt.
"Eine Fussreise im Herbst" ist eine fast mystische Rückreise in die späte Jugend und zur ersten, längst verheirateten Jugendliebe, die melodramatisch mit einem meiner Lieblingsgedichte Hesses endet: "Im Nebel".
"Der Lateinschüler" wiederum spielt mit der ersten Liebe und dem "Leben lernen" eines Jünglings, der zum ersten Mal ein eigenes Zimmer fern der Heimat bewohnt. 
"Heumond" ist eine Variation der Geschichte der ersten Liebe, ist "Sturm und Drang" im kleinbürgerlichen Gewande, kommt sehr unschuldig und ohne große Dramen daher, schildert aber im Detail die Veränderungen der Wahrnehmung und des Empfindens, die mit dem "Erwachsen werden" einhergehen und zeigt, welch feines seelisches Gespür Hesse hatte.
"Schön ist die Jugend" ist die Geschichte eines jungen Mannes, der nach einigen Jahren im Beruf und in der Fremde zum ersten Mal und über den ganzen Sommer hinweg wieder ins kleinstädtische Zuhause kommt. Sehr zärtlich erfühlt man hier, was Heim- und Fernweh bedeuten und wie der einmal Ausgewanderte es nimmer schafft, in der einstigen Heimat wieder Fuß zu fassen. Diese Geschichte fand ich am Schwierigsten zu lesen, denn in ihr fand ich viel persönliches und schmerzhaftes - Gefühle, die ich im Alltag versuche, zu unterdrücken.
"Der Zyklon" schließlich erzählt die Geschichte eines "ehemaligen Buben", der nun als junger Mann symbolisch an einem Tag, an dem ein schwerer Sturm seine Heimatstadt beschädigt und vielerorts für immer verändert, lernt, dass die Tür zu seiner Jugend und Kindheit für ihn von nun an für immer verschlossen ist.
"In der alten Sonne" schließlich ist die seltsamste Geschichte von allen. Hier ist Hesse als "Alter Ego" oder gar Protagonist meiner Ansicht nach gar nicht vorhanden. Hier geht es um eine ehemalige Gaststätte, die nun als eine Art sozialer Unterkunft für mittellos gewordene alte Männer dient, und von den teils tragischen, teils idiotischen "Abenteuern" einiger ihrer Bewohner handelt. Eine Geschichte, die irgendwie nicht in das Gesamtbild der Sammlung passen will.

Fazit:
Alles in allem fand ich das Lesen von "Diesseits" teilweise unterhaltsam, aber stets auch mühsam. Teilweise, weil manche Geschichten mich dann doch auch sehr nostalgisch und melancholisch stimmten, teilweise weil es mir schwer fiel, mich auf die Charaktere und das allgemeine "Setting" einzulassen. Als Gesamtwerk betrachtet erscheint es mir, Hesse hätte sich hier von James Joyce beinflussen lassen, denn die Geschichten fangen tendenziell in der früheren Kindheit und Jugend an, enden dann aber im Alter, ganz so wie in Joyces "The Dubliners".

Wer aus dem Schwarzwald oder dem Schwäbischen stammt, der findet hier sicherlich Versatzstücke aus der Heimat wieder, für alle anderen dürfte die Lektüre von "Diesseits" eher karge Kost sein, quasi "für Fans" des Autors.

18 Oktober 2015

Hermann Hesse: Gesammelte Werke - Band 1 - Gedichte - Frühe Prosa - Peter Camenzind. Werkausgabe Edition Suhrkamp.






Hermann Hesse und ich
Hermann Hesse war wohl der erste Autor von “richtiger” Literatur, den ich ernsthaft las. Bis zum Alter von 17 Jahren umgab ich mich fast ausschließlich mit Büchern aus der Fantasy- und Science-Fiction - Ecke, die einzigen Ausflüge in die Welt der Klassiker stellten die Pflichtlektüren der Schule und für Jugendliche romanisierte Fassungen der griechischen Sagen des Altertums dar.

Hesse war also der erste Autor aus dem Bereich der “E-Literatur” (manche Literaturkritiker würden wohl auch seine Werke eher in den Bereich der “U-Literatur” stellen, ich persönlich halte von dieser überholten Unterteilung nicht viel; elitärer Unfug eben), den ich mit Leidenschaft las.

Der “Siddhartha” war mein erster Hesse-Roman, ich war 17 und frisch verliebt und dieses Buch öffnete mir die Tür heraus aus meinem schwäbischen Dorf und der christlichen Erziehung und hinüber in den verheißungsvoll ausschauenden “Osten”. Es folgten (in nicht mehr nachvollziehbarer Reihenfolge) mein Kirchenaustritt, die Entdeckung des Yoga und Yogananda’s “Autobiographie eines Yogi”, der Besuch diverser Esoterik-Messen in Stuttgart und im Tübinger “Casino”, die Beschäftigung mit tibetischem und japanischem Buddhismus und schließlich der Entschluß, nach der Lehre entweder Tibetologie in Freiburg oder Japanologie in Tübingen zu studieren, natürlich gepaart mit Religionswissenschaft.

All dies geschah, und es gab mehrere beeinflussende Schlüsselfaktoren auf diesem Weg der Entdeckungen, aber ausgelöst hat dies in der Tat Hermann Hesse. Vielleicht lag es am ähnlichen “kulturellen Code” - Hesse kam aus Calw, ich aus Weil im Schönbuch, Orte, die nicht einmal 40 Kilometer auseinander liegen. Eine Großmutter Hesse’s kam angeblich sogar aus meinem Heimatort.

Hesse wuchs auf in einem streng pietistischen Elternhaus, wo alleine der Wunsch, “Dichter” zu werden eine Sünde war und der erste Schritt auf dem “breiten Pfad” zur Hölle. Ich wurde in der beengten Gemeinde der Weilemer Neuapostolen erzogen, und wäre da nicht mein agnostischer, nordafrikastämmiger Vater gewesen, höchstwahrscheinlich auch in dieser Gemeinde geblieben und womöglich auch selbst noch Priester geworden.

Was bei Hesse die Dichtung war, war bei mir die Liebe zu Fantasy, Rollenspielen und der Sehnsucht nach einem “Reich der Feen und Elfen”, was ich zeitweise erhoffte, irgendwann einmal in Irland zu finden, welches in den 80er Jahren eine magische Anziehungskraft auf mich ausübte.

Nun habe ich von Hesse einige Romane gelesen, aber längst nicht alle. Seine Gedichte sind mir gut bekannt, seine frühe Prosa war es aber bis vor kurzem noch gar nicht. Seit gut 10 Jahren besitze ich zwar die Werkausgabe in zwölf Bänden, aber sie fristete ein unberührtes Dasein in meinem Bücherregal (wie so viele andere Bücher, deren Rezensionen hoffentlich in den kommenden Jahren ihren Weg in dieses Blog finden werden).

Wie dem auch sei, hier nun erst einmal meine Ansichten über den ersten Band, der aus drei Teilen besteht: ausgewählten Gedichten, der frühen Prosa und seinem ersten Roman, Peter Camenzind.


Gesammelte Werke 1 - Gedichte - Frühe Prosa - Peter Camenzind
(werkausgabe edition suhrkamp, Gesammelte Werke in 12 Bänden, Auflage 1976)

  1. Gedichte

Welkes Blatt
Jede Blüte will zur Frucht,
Jeder Morgen Abend werden,
Ewiges ist nicht auf Erden
Als der Wandel, als die Flucht.

Auch der schönste Sommer will
Einmal Herbst und Welke spüren.
Halte, Blatt, geduldig still,
Wenn der Wind dich will entführen.

Spiel dein Spiel und wehr Dich nicht,
Laß es still geschehen.
Laß vom Winde, der dich bricht,
Dich nach Hause wehen.

Kleiner Gesang
Regenbogengedicht,
Zauber aus sterbendem Licht,
Glück wie Musik zerronnen,
Schmerz im Madonnengesicht,
Daseins bittere Wonnen…

Blüten vom Sturm gefegt,
Kränze auf Gräber gelegt,
Heiterkeit ohne Dauer,
Stern, der ins Dunkel fällt:
Schleier von Schönheit und Trauer
Über dem Abgrund der Welt.

Die Gedichte Hesse’s lagen mir in meiner “Sturm und Drang”-Phase sehr am Herzen. Mit 17, 18 durchlebte ich mein “weltanschauliches Ringen”, stellte alles in Frage, was Teil meiner (christlichen) Erziehung gewesen war, wollte aber das Kind nicht mit dem Bade ausschütten und suchte für meine spirituellen Bedürfnisse einen neuen “Weg”. Es war das “Fin de Siècle”, und in Europa erlebte in den 1990er Jahren die “Esoterik” einen großen Boom. Sogar in Tübingen machte ein Esoterik-Laden auf, es gab Esoterik-Messen und auch ich las eifrig in diesem Gebiet, ständig bemüht, einen Mittelweg zwischen “echter” Spiritualität und markschreierischem Blödsinn zu finden (denn meinen Verstand konnte ich auch damals nicht abschalten, und so manche Blüte dieses Booms kam mir auch da schon recht unvernünftig vor).

So mancher bunten Gestalt begegnete ich damals. Und ob es nun westliche Wege wie Okkultismus, Magie, Paganismus; der von der kirchlichen Tradition losgelöste Engelsglaube oder indianische Heilrituale waren oder eben östlich angehauchte Traditionen aus dem buddhistisch-hinduistischen Umfeld - immer war es eine wichtige Aufgabe, in dem ganzen glitzernden Wirrwar und der offensichtlich wirtschaftlich-monetär motivierten Schar von Anbietern jene Körnchen Ernsthaftigkeit und “echter Tradition” zu finden, die einen wirklich innerlich und moralisch reifen lassen würden. Ein guter Leitfaden in jener Zeit war für mich die Grundphilosophie meines Vaters gewesen, Menschen mit Misstrauen zu begegnen, die zuviel Enthusiasmus an den Tag legten.

Hesse’s Gedichte kamen mir damals sehr entgegen, denn ihre hohe Emotionalität und Dramatik entsprach sehr oft meiner inneren Gefühlswelt. Gedichte wie “Nach dem Fest”, “Nebel” oder auch “Stufen” waren dabei die Prominentesten, wenn ich in lockererer Stimmung war, auch mal der “Mann von 50 Jahren”.

In dieser Ausgabe sind Gedichte aus allen Lebensaltern Hesse’s vertreten, und mit dem jetzigen Abstand von meiner eigenen Jugendzeit kommen sie mir teilweise zu emotional vor, es wundert mich manchmal, wie Hesse auch im Alter immer noch eine Gefühlswelt pflegen konnte, die derjenigen meiner Jugend entsprach. Manche Gedichte kann ich heute nur noch überfliegen, bei anderen muss ich innerlich lächeln, aber vor allem seine auf den ersten Blick harmlos daherkommenden Naturbetrachtungen (die ich damals als Jugendlicher eher uninteressiert überflogen hatte) erscheinen mir jetzt in einem neuen, hoch relevanten Licht. Denn wo der junge Hesse seine Gefühle vor allem in Liebesthemen zum Ausdruck bringt, erscheint der ältere Hesse eine beizeiten starke Nostalgie zu fangen, beizeiten eine düster-realistische Nähe des Todes zu atmen.

  1. Frühe Prosa
Die frühe Prosa, hier vertreten mit diversen Erzählungen unter dem Titel “Eine Stunde hinter Mitternacht” und Geschichten rund um den Hesse-Alter-Ego “Hermann Lauscher” las ich dieses Jahr zum ersten Mal.
Teilweise ist die etwas überschwülstige Romantik der ersten Prosastücke für mich hart zu ertragen - es ist einfach zu lange her, seitdem ich ernsthaft verliebt war, und nichts steht mir derzeit ferner im Leben als eben jene Gefühle von Liebe und verliebt zu sein...

Der “Hermann Lauscher” Zyklus hat mir hingegen sehr gefallen. Die Erzählungen um den unsteten Studenten, auch eine Geschichte (“Die Novembernacht”), die im Tübingen des späten 19. oder sehr frühen 20. Jahrhundert spielt (und in den Kneipen der Tübinger Altstadt), hat in mir liebe Erinnerungen geweckt sowie sehr viel Nostalgie. “Lulu” wiederum atmet pure Magie und ist Hesse’s Verbeugung vor E.T.A. Hoffmann. Die “Schlaflosen Nächte” wiederum triefen mir zu viel mit einer Mischung aus Depression und Selbstmitleid, und ich fand keinen Bezug zu ihnen.

Abgeschlossen wird dieser Teil des Buches von einigen Tagebucheinträgen aus dem Jahre 1900. und hier erhält man ganz interessante Einblicke in Hesse’s Gefühls- und Gedankenwelten.
Auch seine Meinungen zu anderen Autoren sind teilweise von Interesse: “(...) es ist körperlich ungesund, solche Sachen zu lesen. Mit Tolstoi geht es mir genau wie mit Zola, mit Ibsen, mit Luther, mit Hebbel und zwanzig anderen Größen - sehe ich sie, so muss ich den Hut abnehmen, wohler aber ist mir, wenn ich sie nicht sehe.”

  1. Peter Camenzind
Sein erster Roman also: Peter Camenzind. Zum ersten mal also lese ich ihn, 23 Jahre nach meiner Begegnung mit Siddhartha. Fazit? Sehr anders. Der Camenzind scheint mir, spätere Werke Hesses kennend, wie ein recht unfertiger “Demian” oder halbgarer “Steppenwolf”. Ein Versuch. Ein Entwurf. Aber das wird der Geschichte natürlich nicht gerecht, die immerhin sein erster Roman war. Es zeigt sich also schon hier die Gangart und Richtung, in die Hesse’s spätere Werke gehen werden.
Peter Camenzind, Sohn eines Schweizer Bergtales, der außer Ziegen über die Almen zu treiben vor seinem Umzug in die große Stadt nicht viel von der Welt wusste, liest sich flüssig und angenehm, der Roman erweckt aber nicht dieselben großen Gefühle der späteren Werke, und er hinterlässt auch nur ein bedingtes Gefühl von Befriedigung am Ende der Geschichte - das Ende des Romans wirkt unfertig und nicht endgültig.

Der introvertierte Bauernsohn, der in Basel und Zürich Schwierigkeiten hat, Anschluss an die “besseren Kreise” zu finden, seine Gefühle in gesellschaftlich akzeptabler Weise zum Ausdruck zu bringen. Der viel und gerne trinkt und auch kräftig zulangen kann.

Was im Gedächtnis bleibt, sind Szenen der Zärtlichkeit wenn er sich um einen “Krüppel” kümmert und schließlich zu sich nach Hause aufnimmt oder seine Italienreisen, wo er sich auf einmal vom deutschsprachigen Kulturkreis verabschieden und das Leben so leben kann, wie sein innerstes Selbst es liebt.

Eine Schlüsselszene der Erkenntnis und inneren Entwicklung, die auch für Hermann Hesse und sein Werk wichtig und aussagekräftig war und ist, wird auch im Camenzind geschildert, namentlich die bewusste Wahl, dass es Hesse nicht um die Veränderung der Gesellschaft durch politische Bewegungen oder Meinungen geht. Es liegt ihm einzig an der Beeinflussung und Veränderung des Individuums.

“(...). Andere hielten es für erstrebenswert, den ewigen Weltfrieden herbeizuführen. Und wieder einer kämpfte für die darbenden unteren Stände, oder sammelte und redete dafür, dass Theater und Museen fürs Volk gebaut und geöffnet wurden. Und hier in Basel wurde der Alkohol bekämpft.
In all diesen Bestrebungen war Leben, Trieb und Bewegung; aber keine davon war mir wichtig und notwendig, und es hätte mich und mein Leben nicht berührt, wenn alle jene Ziele heute erreicht worden wären. Hoffnungslos sank ich in den Stuhl zurück, schob Bücher und Blätter von mir und sann, und sann. Dann hörte ich vor den Fenstern den Rhein ziehen und den Wind sausen und lauschte ergriffen auf diese Sprache einer großen, überall auf der Lauer liegenden Schwermut und Sehnsucht. Ich sah die blassen Nachtwolken in großen Stößen wie erschreckte Vögel durch den Himmel flattern, hörte den Rhein wandern und dachte an meiner Mutter Tod (...).”

Hermann Hesse hat dies später immer wieder gesagt: in seiner Jugend hätte er auch an Marx und Lenin gedacht und für eine kurze Zeit lang geglaubt, die großen gesellschaftlichen Gegenentwürfe hätten formende Kraft, um die Menschheit als Ganzes weiterzubringen. Aber Hesse war zu sensibel und zu intelligent, um auf die großen Ideologien hereinzufallen. Dass der Mensch, so wie er ist, so wie das Individuum ist, ganz unabhängig von der vorherrschenden Gesellschaftsordnung im Dunkeln sein und bleiben würde, sah er nur zu deutlich.

Deshalb zielt er auf das Kern des Individuums. Selbst sein Buch über den Buddhismus und die Erreichung des Nirvana ist letztlich ein sehr westliches, ein sehr modernes Buch: es ist die westlich-individualistische Antwort auf den Buddhismus.

Heute erscheint Hesse's Welt- und Menschenbild als Norm, aber damals, als der junge Schwabe sich in der Schweiz vor dem Irrsinn der Weltkriege und Rassenideologien verschanzte, war er seiner Zeit weit voraus. Ähnlich wie Nietzsche, wenn auch ganz anders, war auch Hesse seiner Zeit um mindestens 50 Jahre voraus. Manche seiner Werke wurden erst sehr viel später Teil der Populärkultur (wie der "Steppenwolf" ein Schlüsselroman der Hippie-Bewegung wurde).

Und erscheint heute vieles aus Hesse's Feder antiquiert und überholt, so kann man auch im Jahre 2015 immer noch persönlichen Gewinn aus einer ernsthaften Lektüre Hesse's ziehen.

16 Oktober 2015

Christoph Ransmayer: Der Fliegende Berg






2006 bekam ich als Abschiedsgeschenk von meinem studentischen Nebenjob bei “academic books” in Tübingen (mein Interesse an tibetischem Buddhismus und die Werbung für Ransmayrs neues Buch im Börsenblatt waren wohl ausschlaggebend gewesen), diesen Roman, welchen zu lesen ich leider nie die Zeit fand.

Erst viele Jahre später in Irland war es nun endlich so weit und aus einem inneren Impuls heraus las ich das Buch dann innerhalb einiger Tage durch.

Was ich amüsiert und überrascht feststellte: die Protagonisten des Romans sind Iren, und der österreichische Autor lebt zeitweise in Irland. Als ich das Buch bekam, war noch nicht abzusehen, dass es mich bald nach Irland verschlagen würde; und all die (fast 8) Jahre, in denen das Buch ungelesen in meinem Bücherregal hier in Dublin stand hatte ich keine Ahnung, dass es teilweise hier in Irland spielt - wenn auch nur in der Erinnerung des Hauptprotagonisten.

“Der fliegende Berg” ist ein Roman, der zunächst anmutet wie ein Gedicht-Epos, denn er ist im “Flattersatz” verfasst (der Autor nennt ihn, bezugnehmend auf den Titel seines Romans und zentralen tibetischen Berg seiner Geschichte auch “fliegender Satz”).

Einmal an die Versform gewöhnt, liest sich das Buch flüssig.

Ransmayr stellt eine Beziehung her zwischen Irland und Tibet, eine Verbindung, die zunächst komisch anmutet, aber bei näherer Betrachtung doch sinnvoll erscheint.
Irland, die unterdrückte Insel, welche teilweise noch von den Briten besetzte Insel, die zwar Berge hat, jedoch kaum nennenswerte Erhöhungen über Meeresspiegel.

Tibet, welches gar kein Land mehr ist (wie Irland einst kein eigenständiger Staat war), und dessen tiefste Punkte immer noch weit, weit über dem Meersspiegel liegen. Dessen Berge aber fossile Zeugen urzeitlicher Meeresgründe bergen.

Vom jetzigen Meer auf die höchsten Berge, die das einstige Meer waren. Von der jetzigen Freiheit auf die Unfreiheit, die einst aber frei waren.

Auch der zeitliche Verlauf der Geschichte ist “flatterhaft”. Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit vermischen sich in den Erinnerungen des sterbenden (gestorbenen?) Ich-Erzählers. Mal spielt die Handlung in seiner Kindheit an der irischen Südwestküste, mit Reminiszenzen an den Vater, der Aktivist der IRA war, und die Mutter, welche mit einem protestantischen Nordiren durchbrannte.

Dann mit der tibetischen Geliebten, welche auch Mutter ist und deren verstorbener Ehemann Opfer chinesischer, willkürlicher Gewalt wurde.

So gesehen ist Ransmayers Roman eine Parabel auf die Vermählung von Meer und Berg, von Freiheit und Gefangenschaft, von Leben und Tod, von Vergangenheit und Zukunft.

Im Zentrum, immer wieder, die ungleiche Beziehung zweier ungleicher Brüder. Der eine ein ehemaliger, erst zurück in Irland, dann mit dem älteren Bruder in Tibet gestrandeter Seefahrer, der klar Abhängig ist von der Entschlossenheit seines Bruders, bis hin zu dem Punkt, wo er die Träume und Pläne des Bruders übernimmt und das eigene Ich zurück stellt.

Liam, der ältere Bruder, dessen Name gebetsmühlenartig wiederholt wird im Verlauf der Geschichte. Der Draufgänger, der Unnachgiebige, der nicht versteht, was sein kleiner Bruder an der verwitweten Mutter Nyema vom Volk tibetischer Nomaden und Yak-Hüter findet, der schließlich in Konkurrenz tritt zu ihr und den Bruder vor die Wahl stellt - sie oder ich.

Und immer wieder das Motiv des mystischen fliegenden Berges, wo frei nach Nietzsche die “höchsten Höhen auf die tiefsten Tiefen” treffen werden (getroffen wurden?).

Alles in allem eine faszinierende Reise durch die Abgründe der menschlichen Seele, exemplarisch dargestellt an zwei irischen Brüdern, dem Kampf und Verlangen nach Unabhängigkeit und der Unmöglichkeit, diese sowohl in den Niederungen menschlicher Bestrebungen als auch auf den höchsten Gipfeln der Welt zu finden - denn wo auch immer man hingeht, man nimmt sich selbst, und damit seine Abhängigkeiten und Gefangenheit, mit sich.

Am Ende ist der Versuch der Freiheit zum Scheitern verurteilt, doch das Scheitern geschieht ohne Bitternis, und es ist das Akzeptieren des “So-Seins”, welches dann doch zur Freiheit in der Unfreiheit führt.

Wahrlich, ein tibetisch-irischer Roman.

16 Januar 2011

Dietrich Schwanitz: “Bildung - Alles, was man wissen muß”




Dietrich Schwanitz: “Bildung - Alles, was man wissen muß”

Einleitend
Allein das Wort “Bildung” ist ein unglaublich deutscher Begriff, der so sehr nach dem 1000jährigen Staub unter den Talaren müffelt, dass ich lange Zeit einen großen Bogen um dieses Buch gemacht habe. Alleine der Klang evoziert Bilder (!) von Bildungsbürgern, ja Bildungsfaschisten, nach elitären Kreisen, in denen über das Schicksal des armen Brahms gefachsimpelt wird, der so sehr nach Beethoven klingt dass auch ihm selbst bewusst war, in wessen Schatten er stand, oder über Streitgespräche zwischen Strukturalisten und Dekonstruktivisten.

“Bildung”, das war und ist schließlich und endlich ein Begriff, bei dem sich mir ein geifernder Marcel Reich-Ranicki, die Literatur-Kanon-Keule schwingend vor das geistige Auge schiebt und ich mir denke: ihr versnobten Links- und Rechtsfaschisten, ich bin stolz darauf, dass ich mit Wolfgang Hohlbein, J.R.R. Tolkien und Douglas Adams aufwuchs und mich nicht durch den humanistischen Bildungsbürgertums-Katalog lesen musste, damit mein direktes Umfeld mich als Mensch (und nicht als Neandertaler) akzeptierte.

Als das Buch dann zum Bestseller wurde, führte in den Buchhandlungen kein Weg mehr daran vorbei (ich ignorierte es dennoch weiterhin standhaft), auch Empfehlungen von Freunden, es sei eigentlich gar nicht schlecht, schlug ich in den Wind. Ich erinnere mich an ein Radio-Interview mit Dietrich Schwanitz im SWR Rundfunk (“Leute” hieß die Sendung glaub ich), in deren Verlauf der Autor sich darüber beklagte, wie ungebildet inzwischen weite Teile der jugendlichen Bevölkerung seien; dass er junge Menschen kennen gelernt habe, welche sich beim Auswärtigen Amt bewerben wollten, aber noch nicht einmal wüssten, dass man sich in zivilisierten Kreisen vor einem Schluck Wein jedes Mal den Mund mit der Serviette sauber zu wischen habe, damit man keine Spuren am Weinglas hinterlässt.

Diese Fetzen des Radiointerviews genügten, damit ich beim Klang des Namens “Schwanitz” endgültig das Bild eines hoffnungslos Ewiggestrigen, eines Vertreters der - Gott sei Dank! - zum Untergang verdammten Spezies der Spießer im Kopf hatte.

Eigentlich wäre die Sache damit für mich erledigt gewesen. Eigentlich. Aber dann habe ich im Rahmen meiner Magisterarbeit beim Verfassen des Kapitels über die Informationsgesellschaft einen Artikel über den britischen Wissenschaftler und Literaten C.P. Snow und seine These von den “Zwei Kulturen” gelesen. Und im weiteren Verlauf fiel mir das Buch “Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte” von Ernst Peter Fischer in die Hände, welches ich eben erst hier rezensiert habe.

In jener Rezension habe ich Schwanitz und sein Buch (das ich bis dato nur oberflächlich angelesen und durchgeblättert hatte) sehr kritisch angegangen, bin also voll auf Fischers Argumentation und Vorwürfe (Schwanitz lässt die Naturwissenschaften aussen vor und behauptet, Kenntnisse in diesem Bereich seien zwar nicht negativ, “zur Bildung aber gehören Sie nicht”) eingegangen.

Nach Veröffentlichung der Rezension packte mich das schlechte Gewissen. Urteilen ist eine Sache, aber über etwas und jemanden zu urteilen, ohne mich ernsthaft mit ihm und seinen Gedanken auseinandergesetzt zu haben eine ganz andere. Also habe ich mir sein Buch bestellt, konzentriert und aufmerksam durchgearbeitet - und schulde dem Autor nun nicht nur eine Entschuldigung, sondern möchte anhand einer ehrlichen aber hoffentlich auch kritischen Besprechung versuchen, hier einiges wieder zurecht zu rücken.

Inhalt
Eigentlich sagt das Zitat aus der ZEIT, welches sich auf dem Buchumschlag befindet, schon alles aus:


“Die gesamte europäische Kultur in einem einzigen dicken Band: eine Frechheit, ein Vergnügen und eine längst fällige Provokation”

Und provoziert hat Schwanitz mit seinem Buch, und vor allem mit dessen ungebrochenem Erfolg. Doch was steckt jetzt dahinter, bzw. zwischen den Buchdeckeln?

Zunächst einmal eine Abrechnung (nicht anders verstehe ich das “Vorwort”) mit der deutschen Gesellschaft, vor allem aber den Bildungseinrichtungen Schule und Universität sowie der “Bildungspolitik” der letzten Jahrzehnte. Schwanitz outet sich hier als ein Verfechter des Bildungskanons, genauer gesagt eines “klassischen” oder “humanistischen” Bildungsideals (obwohl er dieses Wort selbst nicht in den Mund nimmt). Er stellt das, was die ‘68er-Generation bekämpfte und schließlich besiegte (aus Schwanitz’ Sicht wohl eher: “ermordete”), nicht als “humanistisches” Bildungsgut dar, sondern als wichtigsten Bildungsschatz der Deutschen, welchen diese wenn nicht komplett verloren, so doch an einen schwer zugänglichen Ort hin verlegt haben. Bereits im Vorwort grenzt sich Schwanitz also deutlich von linken, oder gar kommunistischen (Frankfurter Schule!) Intellektuellen ab. Übrigens ist das Bild, welches ich mir beim Lesen des Buches vom Autor machen konnte nicht ganz so einfach. Zwar würde ich ihn eher als konservativen FAZ-Leser klassifizieren. Jedoch dürfte er kein blinder “CDU-Fahnenträger” sein. An Unterschriftenaktionen gegen die doppelte Staatsbürgerschaft hätte sich ein Schwanitz sicherlich nie beteiligt, das plump-bürgerliche Lager, welches den Großteil der CDU-Wählerschaft ausmacht ist ihm also sicherlich genauso fern wie die ideologisch der Realität entrückten und fanatischen Höhen der typischen, sogenannten “Linken”.

Doch zurück zum Buch. Nach einer harschen, aber in weiten Teilen realistischen Bestandsaufnahme des Zustands des deutschen Bildungswesens stellt er dem geneigten Leser sein Gegen- bzw. Heilmittel vor: Bildung. Und ja, die Kenntnis von Jahreszahlen und Klassikern ist hier zentraler Kern seines Anliegens. Das “sture Auswendiglernen” von Jahreszahlen und geschichtlichen Ereignissen ist ja seit den ‘68ern “mega-out”. Schwanitz sieht hier aber fast schon den Untergang des Abendlandes gekommen. Das Grundübel sieht Schwanitz dann eben auch in der intelektuellen Starre, in welche Deutschland nach dem 2. Weltkrieg verfallen ist. Und die ‘68er meinten es zwar gut, ‘gut gemeint’ ist dann aber leider allzuoft das Gegenteil von ‘gut’. Schwanitz Hauptklage ist also auch und vor allem, dass den Deutschen ihre Erzählung (=Geschichte) abhanden gekommen ist. Die Katastrophe der Nazi-Zeit schiebe sich wie ein beinahe undurchdringlicher Schleier vor den Rückblick auf die eigene Geschichte. Eine objektive, in den größeren Rahmen der europäischen Geschichte eingebettete Beurteilung der eigenen Geschichte (und damit auch: der eigenen Herkunft, Besonderheiten, Kultur) wird hier also verhindert. Doch lassen wir Schwanitz kurz selbst zu Wort kommen:


“Dabei muß man den Schwachsinn vergessen, mit dem die Bildungsreformer die chronologische Ordnung als Leitfaden des Geschichtsunterrichts zerschnitten und durch solche Trümmer wie Unterrichtseinheiten über “die mittelalterliche Burg” oder “den Reisanbau in Vietnam” ersetzt haben. Indem man gegen die Paukerei von Jahreszahlen polemisierte, gab man zu erkennen, daß man den Verstand verloren hatte: Jahreszahlen sind nicht einfach Zahlen, sondern Vergleichspunkte für weit Auseinanderliegendes, Markierungen für die Gliederung von Abschnitten, Bojen auf der See der Ereignisse, erleuchtete Straßenschilder in der Nacht, die den Weg der Geschichte erst ordnen. Wer gegen die Chronologie polemisiert, ist so meschugge wie jemand, der die Abschaffung der Bretter aus den Bücherborden zu seiner Lebensaufgabe macht. Aber genau das hatten die Bildungsreformer getan. Auf diese Weise ist den Schülern und Studenten der Sinn für Geschichte als Abfolge der Epochen weitgehend verlorengegangen. Das Gefühl für die “Zeitgestalt” der Geschichte haben sie nie erworben.
Eigene Datenerhebungen unter Anfängern des Anglistikstudiums über zehn Jahre hinweg ergaben, daß nur sechs von 100 Befragten die Frage beantworten konnten, wer Oliver Cromwell war und wann er gelebt hatte. Und die Lebensdaten Shakespeares wurden gerecht auf alle Epochen zwischen dem 12. und 19. Jahrhundert verteilt.
In dieser Amputation des historischen Sinns unterscheiden wir uns von unseren westlichen Nachbarn. Deshalb haben wir die europäische Geschichte in diesem Handbuch so gestaltet, daß der Zusammenhang sichtbar bleibt und ein Überblick erleichtert wird.”

Neben Geschichtskenntnissen will Schwanitz aber noch mehr vermitteln. Ist die Geschichte die Mutter aller Wissenschaft und Kultur, so sind ihre erstgeborenen Kinder die Literatur, die Musik und die Künste. Auch auf diese geht Schwanitz in einzelnen Kapiteln ein, und er verfährt hier - sehr “altmodisch” - strikt historisch, was aber den Vorteil hat, dass man nach dem Lesen des Buches mehrmals durch die Geschichte Europas geführt wurde, einmal rein historisch, dann literarisch, und schließlich musisch und musikalisch. Alles zusammen ergibt dann einen Gesamtüberblick über die wichtigsten Ereignisse und Kulturgüter.

Hier liegt allerdings auch das Problem des Buches: so hehr das Anliegen Schwanitz’ auch sein mag, gerade beim Literaturkanon fand ich ihn dann doch zu konservativ. Zwar erspart er seinen Lesern (im Gegensatz zum geifernden “Literaturpapst” Ranicki) den unsäglichen Stefan George, jedoch dreht sich dann doch die gesamte deutsche Literatur um Schiller und vor allem Goethe. Größen wie Herder oder Wieland werden nur gestreift, Dichter wie Heine oder Literaten wie Hesse sind es nicht einmal wert, auch nur bei Namen genannt zu werden (Nietzsche wiederum schon). Die Auswahl seines Kanons ist also nicht nur subjektiv (welcher Kanon ist das nicht?), sondern zeigt auch sehr deutlich “wes Geistes Kind” Schwanitz ist.

Das Problem hierbei stellt sich aus meiner Sicht vor allem deshalb dar, weil Schwanitz das Buch ja anscheinend für den durchschnittlichen “deutschen Michel”, vor allem eben auch für all die ungebildeten Klötze (BWLer, Maschinenbauer und Friseusen) geschrieben hat, die sich zwar prächtig bei Bier und Wurst beim Fußball amüsieren können, im Grunde aber nur halbzivilisierte Affen sind.

Ich persönlich widerspreche Schwanitz da nicht einmal, schreibe ich aber einen Literaturkanon “fürs Volk”, dann sollte dieser doch noch etwas ausführlicher ausfallen. Zumindst in seine “Liste zum Weiterlesen” hätte er noch einige Schriftsteller und Dichter mehr mit aufnehmen sollen.

Gliederung
Nach einem Gewaltmarsch durch die europäische Geschichte von den Griechen bis ins 20. Jahrhundert (265 Seiten) wird der Leser durch die europäische Literatur geführt (90 Seiten). Es folgt eine Darstellung der “Geschichte der Kunst” (33 Seiten) und der “Geschichte der Musik” (28 Seiten). Auf den nachfolgenden 66 Seiten lernt man die Grundzüge der Philosophien, Ideologien und Theorien kennen, um sich dann 16 Seiten lang mit der Geschlechterdebatte auseinanderzusetzen. Dies schließt den ersten Teil des Buches - “Wissen” - ab.

Der zweite Teil - “Können” - wird allen Ernstes von einem Kapitel mit dem Titel “Einleitung über die Regeln, nach denen man unter Gebildeten kommuniziert; ein Kapitel das man auf keinen Fall überspringen sollte.” eingeleitet. Hier lernt man also, wie die richtigen Menschen Gebildeten miteinander kommunizieren und wie man sich in solch elitärem Kreise als Neandertaler, Fußballprolet oder “Bildungsaufsteiger” outet... nunja.

Das Kapitel enthält jedoch auch Passagen, die Spass machen und die ich so unterschreiben würde. So ist sich Schwanitz im Klaren darüber, dass TV, Internet und Co. inzwischen die Lektüre abgelöst haben und wohl auch in Zukunft “Kids” in der Regel zunächst Fernsehen werden, bevor sie mit der Welt der Bücher in Kontakt kommen. Und hier trifft er mit seinem Bedauern bei mir genau ins Schwarze. Ich selbst denke auch, dass dies ein unglaublicher Verlust ist, nicht nur für die Gesellschaft, sondern vor allem für die betroffenen Menschen. Klar, wer nicht weiß, was ihm entgeht, ist diesbezüglich gleichgültig. Aber lassen wir Schwanitz hier wieder zu Wort kommen:


“Literaturlektüre kann man nicht verordnen. Man muß freiwillig lesen. Darin ist Literatur wie die Liebe. Sie muß zum Lesen verführen. Lesen, weil man muß, heißt, die Liebe zur ehelichen Pflicht zu machen. (...) Man muß sich ja nicht andauernd verlieben, aber wenn man es nicht wenigstens einmal tut, wirft das ein düsteres Licht auf die seelische Verfassung. Entsprechend muß man nicht jeden großen Roman lesen, aber wer gar keinen liest, ist doch eine Art Neandertaler.”

Nach einem Ausflug in “Das Haus der Sprache”, in welchem man grundsätzliches zu Fremdwörtern, Grammatik und Kommunikation erfährt, geht es weiter mit der “Welt des Buches und der Schrift”. Für jeden, dem Bücher und Bibliotheken nicht gänzlich fremd sind, ist dieses Kapitel wohl eher ein Ausflug ins Land des Schmunzelns. Und dann kommt ein erschreckender Gedanke: es dürfte in Deutschland eine ganze Menge Menschen geben, denen dieses Kapitel neue Informationen liefern würde. Man will diesen Gedanken gar nicht zu Ende denken...

Das mithin amüsanteste Kapitel des Buches (“Länderkunde für die Frau und den Mann von Welt”) erklärt dem deutschen Durchschnittsmichel, wie Onkel Dietrich die Amis, die Briten, Franzosen, Spanier, Italiener, Österreicher, Schweizer und Holländer sieht, und natürlich welche Fehler man im Umgang mit ihnen lieber vermeiden sollte. Teilweise platt und voller Clichés (Stichwort: Machismo), teilweise dann doch (leider) allzuoft zutreffend (Stichwort: Zerknirschungsorgien).

Nach einem Kapitel über Intelligenz, Begabung und Kreativität folgt noch ein äußerst lustiger Teil: “Was man nicht wissen sollte”. Sprich: mit welcher Art von Wissen oute ich mich als Underdog, als Spross des “Prekariats”? Natürlich, enzyklopädisches Wissen aus der Welt des Sports (lies: Fussballs) gehört ebenso dazu wie Königshäuser-Klatsch oder eine allzu intime Kenntnis des Privatsender-Nachmittagsprogramms.

Ein Exkurs über “Das reflexive Wissen” bildet den Schluss des Buches, es folgen noch Zeittafeln, eine Liste von “Büchern, die die Welt veränderten” sowie 50 “Büchern zum Weiterlesen”, um in den behandelten Gebieten weiterzukommen.

Fazit
Schwanitz Buch ist nicht umsonst Gegenstand zahlreicher Kritiken und Verrisse geworden. Es ist ein zutiefst subjektiv geschriebenes Lehrbuch, und der “erhobene Zeigefinger” des Pädagogen (fast hätte ich gesagt: Volkserziehers) ist auf jeder Seite spürbar.

Trotzdem macht es großen Spass, das Buch zu lesen, und auch wenn man gegen Schwanitz’ Attitüde ist - man kann sich nicht dagegen wehren, eine Menge zu lernen. Ist das Buch “gefährlich”? Vielleicht - vor allem wenn sich Massen von “Ungebildeten” nach dem Band ausrichten und alle Aussagen ungeprüft übernehmen.

Aber lieber habe ich eine Horde blinder Goethe-Verehrer vor mir, als einen Mob, dessen Horizont über “Big Brother”, “Maybrit Illner” und die Fussball-Bundesliga nicht hinaus geht.

Am meisten profitiert vom Buch, wer eben nicht bei “null” anfängt, wer Goethe und seine Verehrer in kritischem Gegenlicht zu sehen versteht und sich einiger Dichter und Denker bewusst ist, die Schwanitz einfach ignoriert.

Ach ja, und wer Ernst Peter Fischers Buch “Die andere Bildung” auch liest.

Abschließen möchte ich diesen Versuch einer Besprechung mit einem Schwanitz-Zitat:


“Von Gott hat der Künstler [den Akt der Kreation] geerbt. Wie Gott eine Welt schafft, schafft der Künstler seine Welt. Beide sind Väter und Autoren ihrer Schöpfung. Wer sich aber selbst erschafft, ist gebildet.”